Donnerstag, 22. Oktober 2026

Die Archäologische Bibel (5): Der Siegelabdruck Hiskias

In den bisherigen Beiträgen dieser Reihe ging es um die Merenptahstele, das Relief Scheschonqs in Karnak, die Mescha-Stele und die Tel-Dan-Stele. Nun geht unsere Spurensuche weiter, diesmal mit einem wesentlich kleineren Gegenstand: einem Siegelabdruck aus Ton, der den Namen Hiskias trägt.

Bei solchen Funden stellt sich für mich immer wieder dieselbe Frage: Was haben wir tatsächlich vor uns, und was lässt sich daraus über die Menschen erfahren, von denen wir in der Bibel lesen? Dass ein vertrauter Name auftaucht, ist ja interessant, aber natürlich möchte ich auch wissen, ob sich der Fund der entsprechenden biblischen Person zuordnen lässt und worauf diese Zuordnung beruht.

Diesmal stehen auf einem kleinen Stück Ton nicht nur der Name eines Königs, sondern auch der Name seines Vaters und sein Titel. Schauen wir uns also mal an, was gefunden wurde und weshalb dieser Abdruck für unsere Spurensuche von Bedeutung ist.

Image credit: Ouria Tadmor / Eilat Mazar

Ein königlicher Name auf einem kleinen Stück Ton

Die Inschrift lautet übersetzt: „Gehört Hiskia, [Sohn des] Ahas, König von Juda.“ Der Abdruck stammt aus der Zeit um 700 vor Christus. Die Verbindung von Name, Vater und Königstitel ermöglicht die Zuordnung zu dem Hiskia, den wir aus der Bibel kennen.

Zunächst muss ich allerdings eine kleine Unterscheidung machen. Gefunden wurde nicht das Siegel selbst, sondern sein Abdruck in Ton. Ein solcher Tonverschluss wird als Bulla bezeichnet. Dieses Exemplar ist gerade einmal etwa 13 mal 12 Millimeter groß. Es verschloss ursprünglich ein zusammengerolltes Papyrusdokument, das mit dünnen Schnüren zusammengebunden war. 

Das finde ich einen interessanten Fundstück im Gegensatz zu den großen Inschriften, denen wir bisher begegnet sind. Hier ließ kein König seine militärischen Erfolge auf einem Denkmal verewigen. Der Abdruck hatte einen sehr praktischen wohl eher Alltäglichen Zweck in der damaligen Verwaltung des Könighaushaltes. Und trotzdem blieb gerade darauf sein Name erhalten.

Wo wurde der Abdruck gefunden?

Entdeckt wurde die Bulla 2009 bei den Ausgrabungen am Ophel in Jerusalem, südlich des Tempelbergs. Die Arbeiten standen unter der Leitung der Archäologin Eilat Mazar. Beim Nasssieben des Grabungsmaterials kam das kleine Stück zum Vorschein. Wessen Namen es trug, wurde allerdings nicht sofort erkannt. Erst bei einer späteren Untersuchung der Inschrift erfolgte die Zuordnung zu Hiskia. Öffentlich vorgestellt wurde der Fund im Dezember 2015.

Der Fundort war weniger königlich, als man vielleicht erwarten würde. Stellt euch vor, dieser königliche Siegelabdruck landete irgendwann auf einer Müllhalde, ohne dass jemand ahnte, welche Bedeutung er einmal haben würde. Genau dort wurde die Bulla nämlich etwa 2700 Jahre später gefunden, neben einem Gebäude, das die Ausgräber dem königlichen Bereich zuordneten. Mit ihr kamen weitere Tonverschlüsse zum Vorschein. Einige trugen Abdrücke von gröberem Stoff und stärkeren Schnüren, vermutlich von Säcken mit Lebensmitteln.

Wir haben hier also nicht nur einen einzelnen Gegenstand mit einem bekannten Namen. Auch die anderen Funde helfen dabei, ihn in seinen damaligen Zusammenhang einzuordnen.

Warum die Herkunft wichtig ist

Abdrücke mit Hiskias Namen waren bereits seit den 1990er Jahren auf dem Antiquitätenmarkt bekannt. Warum bekam dieser Fund dann so viel Aufmerksamkeit? Weil er aus einer wissenschaftlichen Ausgrabung stammte. Nach Angaben des Grabungsteams war es der erste Siegelabdruck eines Königs von Israel oder Juda, der bei einer solchen Ausgrabung entdeckt wurde.

Bei einem Gegenstand vom Antiquitätenmarkt lässt sich häufig nicht mehr zuverlässig feststellen, wo und unter welchen Umständen er gefunden wurde. Das bedeutet nicht automatisch, dass er unecht ist. Aber wichtige Informationen fehlen. Welche anderen Gegenstände lagen daneben? Aus welcher Schicht kam er? Was wissen wir über den ursprünglichen Fundort?

Bei der Bulla aus Jerusalem ist dieser Zusammenhang dokumentiert. Für die historische Einordnung macht das einen Unterschied. Es geht eben nicht nur darum, ob die Inschrift zu unseren Erwartungen passt, sondern auch darum, wie sich der Fund überprüfen lässt.

Die Bilder neben der Schrift

Auf dem Abdruck steht nicht nur Text. Er zeigt auch eine Sonne mit zwei nach unten gerichteten Flügeln. Rechts und links befinden sich zwei Anchzeichen, die für Leben stehen. Solche Motive kennen viele von uns vor allem aus Ägypten. Die geflügelte Sonne gehörte allerdings zu einer Bildsprache, die auch darüber hinaus im Alten Orient verbreitet war.

Was die Zeichen in diesem konkreten Fall ausdrücken sollten, ist schwieriger zu beantworten. Eilat Mazar erwog einen Zusammenhang mit Hiskias in der Bibel beschriebener Genesung von einer lebensbedrohlichen Krankheit. Sie brachte die Gestaltung deshalb mit seiner späteren Regierungszeit in Verbindung.

Das ist ein interessanter Gedanke. Aber hier möchte ich zwischen dem Fund und seiner Deutung unterscheiden. Die Inschrift berichtet weder von einer Krankheit noch von einer Heilung. Dass die Symbolik zu diesem Ereignis passen könnte, ist noch kein Beleg dafür, dass sie deshalb gewählt wurde.

Was bestätigt der Siegelabdruck?

Wenn wir uns auf den eigentlichen Befund beschränken, bleibt bereits einiges übrig: ein Siegelabdruck aus Jerusalem, der Hiskia, Ahas und den Titel „König von Juda“ nennt. Dazu kommen der dokumentierte Fundzusammenhang und eine zeitliche Einordnung, die zu diesem König passt. Damit haben wir einen archäologischen Beleg für einen Herrscher und seine familiäre Verbindung, die uns auch im biblischen Bericht begegnen.

Ob Hiskia das Siegel persönlich in den Ton drückte, wissen wir dadurch nicht. Auch bestätigt dieser Abdruck nicht automatisch jedes Ereignis, das über ihn erzählt wird. Das sollte man nicht behaupten.

Aber wir müssen den Fund auch nicht größer machen, als er ist, damit er Bedeutung hat. In dieser Reihe gehe ich der Frage nach, ob sich historische Angaben der Bibel auch außerhalb ihrer Seiten bestätigen lassen. Hier haben wir ein konkretes Beispiel dafür: Ein Siegelabdruck nennt Hiskia, seinen Vater Ahas und seinen Titel als König von Juda. Diese Angaben stimmen mit dem biblischen Bericht überein. Das bestätigt nicht jede Aussage über sein Leben, gibt uns aber einen weiteren Grund, die Bibel als historische Quelle ernst zu nehmen.

Was ich von dieser Spurensuche mitnehme

Für mich ist damit auch dieser Fund ein Grund, die historischen Angaben der Bibel ernst zu nehmen. Nicht, weil ein kleines Stück Ton jede Frage beantwortet, sondern weil wir daran eine konkrete Angabe überprüfen können. Hiskia begegnet uns nicht ausschließlich auf den Seiten der Bibel.

Dabei möchte ich weder mögliche Deutungen als gesicherte Tatsachen darstellen noch die Bedeutung einer tatsächlichen Übereinstimmung kleinreden. Wenn ich wissen will, warum ich glaube, was ich glaube, gehört beides dazu: Fragen zu stellen und die Antworten sorgfältig zu prüfen.

Bei meiner Suche bin ich noch auf einen weiteren Fund gestoßen, der denselben Hiskia nennt: das Taylorprisma. Dort berichtet der assyrische König Sanherib über seinen Feldzug gegen Juda. Mehr dazu hoffentlich bald, ich arbeite dran …

In diesem Sinne: Sei auch du mutig in deinen Nachforschungen und freue dich über jede gefundene Wahrheit.


Eure Lizzy

 

Quellen und weiterführende Informationen

BBC News: „Impression of biblical king’s seal found in Jerusalem“. Zum Fund und seiner Bekanntgabe.
https://www.bbc.com/news/world-middle-east-34988649

Armstrong Institute of Biblical Archaeology: „Hezekiah Bulla“. Überblick zum Siegelabdruck Hiskias.
https://armstronginstitute.org/773-hezekiah-bulla

ScienceDaily: „Impression of King Hezekiah’s royal seal discovered in excavations in Jerusalem“. Mitteilung der Hebräischen Universität Jerusalem zu Fundumständen, Inschrift, Gestaltung und möglichen Deutungen.
https://www.sciencedaily.com/releases/2015/12/151202132519.htm

Wikipedia: „King Hezekiah bulla“. Ergänzender Überblick zum Fund.
https://en.wikipedia.org/wiki/King_Hezekiah_bulla


Bibel Software:

https://www.accordancebible.com

Bilderquellen:

https://www.canva.com
(Bildbearbeitung)

https://unsplash.com/

(Bildersuche für Hintergründe) 

Bulla: Image credit: Ouria Tadmor / Eilat Mazar