Immer wieder begegne ich derselben Behauptung: Das Alte
Testament habe mit dem Neuen so gut wie nichts zu tun. Oft wird das so
zugespitzt, als handle es sich praktisch um zwei verschiedene Religionen. Hier
der „Gott des Zorns“ im Alten Testament, dort der „Gott der Liebe“ im Neuen,
verkörpert durch Jesus. Wer das sagt, verweist nicht selten darauf, man müsse
„nur mal richtig lesen“, um das zu erkennen.
Fragt man dann genauer nach, wie gründlich die Bibel
tatsächlich gelesen wurde, bleibt es häufig vage. Ein paar Geschichten aus der
Kindheit, einzelne bekannte Stellen, vielleicht Ausschnitte aus Videos oder
Debatten. Das Urteil steht fest, die Lektüre dahinter ist aber oft eher
bruchstückhaft. Viele Einwände gegen die Bibel sind weniger das Ergebnis eines
langen Studiums, sondern vielmehr Momentaufnahmen und persönliche Eindrücke.
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Wer sich die Zeit nimmt und die Bibel als Ganzes liest,
entdeckt schnell, dass Jesus nicht erst im Neuen Testament auftaucht. Gott
erzählt seine Heilsgeschichte so, dass bereits im Alten Testament durch
Prophetien, Bilder und wiederkehrende Muster ein Gesamtbild sichtbar wird, das
in Christus zur Erfüllung kommt. Das Alte Testament ist nicht einfach nur
Vorgeschichte, sondern eher so etwas wie ein Schattenriss, während das Neue
Testament die Konturen scharf zeichnet. Oder anders gesagt: Das Alte Testament
ist der Schlüssel, der das Neue Testament aufschließt.
Von hier aus kann man das Alte Testament tatsächlich wie
eine Schatzkarte lesen. Schon sehr früh begegnen Andeutungen, die Christen
später als Hinweise auf Jesus verstehen: der „Same der Frau“, der der Schlange
den Kopf zermalmt, das Blut des Passahlammes, das vor dem Gericht schützt, das
Amt des Hohenpriesters als von Gott eingesetzter Mittler, der leidende
Gottesknecht in Jesaja 53 und die Verheißung eines Königs aus Davids Linie,
dessen Herrschaft „auf ewig“ bestehen wird.
Für diese Art von Hinweisen verwendet die biblische
Theologie den Begriff „Typologie“. Gemeint ist damit, dass Gott mit Mustern,
Schattenrissen und Symbolen arbeitet, die zunächst im Alten Testament
erscheinen und später in Jesus ihre eigentliche Erfüllung finden. Ein „Typus“
ist dabei eine von Gott gesetzte Vorform. Es kann sich um eine Person, ein
Ereignis oder eine Einrichtung handeln, die im Alten Testament eine reale
Bedeutung besitzt und zugleich über sich hinaus auf Christus hinweist.
Ein erster solcher Typus begegnet uns gleich am Anfang der
Bibel im Garten Eden, in 1. Mose 3,15. Dort ist, wie bereits erwähnt, von einem
„Samen der Frau“ die Rede, der der Schlange den Kopf zermalmen wird, während
diese ihm in die Ferse sticht. Die Schlange steht hier für den Widersacher
Gottes, die personalisierte Macht des Bösen, die den Menschen in den Bruch mit
Gottes Gebot führt. Der „Same“ wird verwundet, aber nicht vernichtet. Am Ende
liegt der Kopf der Schlange am Boden. Die christliche Auslegung hat diesen Vers
oft als „Protevangelium“, also als erste Ankündigung des Evangeliums,
verstanden. Eine Person wird kommen, die den Grundkonflikt zwischen Gott und
dem Bösen endgültig entscheidet. Das, was in Eden noch als Andeutung formuliert
ist, nimmt im Neuen Testament Gestalt in Jesus an, der „die Werke des Teufels“
zerstört.

Ein weiteres starkes Beispiel für Typologie ist das
Passahereignis beim Auszug Israels aus Ägypten. Israel lebt unter der
Herrschaft des Pharao, die Plagen haben das Land erschüttert, und Gott kündigt
ein letztes Gericht an. Genau in diese Situation hinein gibt er seinem Volk
eine ungewöhnlich konkrete Anweisung: Ein fehlerloses Lamm soll ausgewählt,
geschlachtet und sein Blut an die Türpfosten gestrichen werden. Dort, wo dieses
Zeichen zu sehen ist, geht Gott beim Gericht vorüber, und die Erstgeburt bleibt
verschont.
Damit geschieht weit mehr als nur ein einzelnes
spektakuläres Ereignis in der Geschichte Israels. Das Passah markiert den
Beginn des Auszugs aus der Sklaverei in die Freiheit und wird zugleich als
jährliches Fest eingesetzt. Jede Generation soll sich daran erinnern, dass Gott
sie unter dem Zeichen des Blutes hindurchgeführt hat. Das Opferlamm ist keine
Dekoration, sondern der von Gott selbst bestimmte Mittelpunkt der Rettung. Je
länger man sich mit den Details beschäftigt, etwa mit der Auswahl des Lammes, dem
Zeitpunkt, der Art der Zubereitung und der Verbindung mit ungesäuertem Brot,
desto deutlicher wird, wie tief dieses Bild reicht. Die Symbolik ist so dicht,
dass sie eigentlich ein eigenes, ausführliches Studium verdient.
Genau hier setzt die typologische Linie zum Neuen Testament
an. Wenn das Neue Testament Jesus „unser Passahlamm“ nennt, knüpft es bewusst
an dieses Muster an. Jesus stirbt im Zusammenhang mit dem Passahfest, sein Tod
wird als stellvertretendes Opfer verstanden und sein vergossenes Blut als
Grundlage dafür, dass Menschen dem gerechten Gericht Gottes nicht mehr
ausgeliefert sind. Einzelheiten werden dabei aufgegriffen: das makellose Opfer,
dessen Knochen nicht gebrochen werden, das Sterben „für“ andere und die
Verbindung zu einem Mahl, das an diese Rettung erinnert.
Wer das Passah nun mit Blick auf Jesus liest, merkt schnell,
dass hier von Anfang an mehr angelegt war, als man auf den ersten Blick
erkennt.
In dieser Perspektive ist das Passah nicht nur ein wichtiger
Punkt in der Geschichte Israels, sondern ein von Gott gesetzter Typus auf
Christus hin. Ein Lamm, das an Stelle der Erstgeborenen stirbt, Blut, das
Schutz bietet, ein Mahl, das den Übergang aus der Knechtschaft in ein neues
Leben markiert. All das sind Bilder, die im Kreuz und in dem Mahl, das Jesus
mit seinen Jüngern feiert, eine tiefere Schicht bekommen. Wer das Passah mit
Jesus im Rücken liest, merkt schnell, dass hier von Anfang an mehr angelegt
war, als man bei einem flüchtigen Lesen erkennt.
Ein weiteres zentrales Bild, das im Neuen Testament in Jesus
zusammenläuft, ist das Amt des Hohenpriesters. In den Mosebüchern war der
Hohepriester der von Gott eingesetzte Mittler für das Volk. Er trug die Namen
der Stämme auf seiner Brust, ging stellvertretend in die Gegenwart Gottes und
brachte Opfer dar. Besonders deutlich wurde das am Versöhnungstag. Nur er
durfte mit Blut in das Allerheiligste treten, um Sühne für die Sünden der
Gemeinschaft zu erwirken.
Schon im Alten Testament lag in diesem Dienst eine gewisse
Spannung. Einerseits war der Hohepriester unentbehrlich. Ohne ihn gab es keinen
geordneten Zugang zu Gott und keine Versöhnung durch die von Gott eingesetzten
Opfer. Andererseits war er selbst ein Mensch mit eigener Schuld und
Begrenztheit. Er musste auch für sich Opfer bringen, und das ganze System lebte
davon, dass Opfer immer wiederholt wurden. Jahr für Jahr erinnerte der
Versöhnungstag das Volk daran, dass die Sache mit der Sünde noch nicht endgültig
geklärt war.
Grafik aller Bücher der Bibel, sowie sämtliche Querverweise untereinander
(Ganz links: 1.Mose - In der Mitte (tiefste Linie): Psalm 119 - Ganz rechts: Offenbarung.)
Genau an dieser Stelle setzt das Neue Testament an, wenn es
Jesus als Hohepriester beschreibt. Er übernimmt die Rolle des Mittlers, aber
nicht als Teil des alten Systems, sondern als dessen Erfüllung. Jesus tritt
nicht mit dem Blut eines fremden Opfers vor Gott, sondern mit seinem eigenen.
Er ist gleichzeitig Priester und Opfer. Und sein Opfer muss nicht Jahr für Jahr
wiederholt werden, sondern wird als „ein für alle Mal“ beschrieben, mit einer
Wirkung, die bleibt.
Wenn die Hohepriestertexte im Alten Testament unter diesem
Blickwinkel gelesen werden, ergibt sich ein neuer Blick auf das Ganze. Die
sorgfältig geregelten Gewänder, der Weg ins Heiligtum, das Tragen der Namen des
Volkes, der einmalige Gang hinter den Vorhang. All das wirkt wie eine
sorgfältig vorbereitete Vorübung. Der alte Hohepriester ist nicht überflüssig,
aber er bleibt vorläufig. In Jesus tritt gewissermaßen der endgültige
Hohepriester auf, in dem das ganze priesterliche System seinen Zielpunkt findet.
Als er am Kreuz stirbt und der Vorhang im Tempel von oben nach unten zerreißt,
wird sichtbar, was das bedeutet: Der Zugang zu Gott hängt nicht mehr an einem
jährlichen Dienst eines einzelnen Priesters, sondern ist durch das vollbrachte
Opfer Christi für alle geöffnet, die zu ihm gehören.
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Liest man das Alte Testament also unter diesem Blickwinkel,
als zusammenhängende Geschichte voller Vorformen, Andeutungen und Prophetien,
die auf Jesus zulaufen, bekommt es einen ganz anderen Charakter. Statt
einzelner „Bibelgeschichten“ entsteht das Bild einer großen Wegstrecke, die bei
Eden beginnt, über Exodus, Opferdienst, Könige und Propheten führt und im Neuen
Testament in Christus ihren klaren Mittelpunkt findet. Es ist wie eine
Schatzkarte, auf der die einzelnen Punkte plötzlich miteinander verbunden
werden. Und auch wenn Gottes Geschichte damit noch nicht abgeschlossen ist,
zeigt gerade dieser lange Bogen, wie zuverlässig unser himmlischer Vater das
erfüllt, was er zusagt. Wer sieht, wie treu er über Jahrhunderte gehandelt hat,
darf auch dem vertrauen, was noch aussteht, und darauf, dass es am Ende
wirklich gut wird.
In diesem Sinne: Tauch tief in Gottes Wort ein und prüfe
alles im Licht seiner Wahrheit.
Eure Lizzy