Dienstag, 27. Oktober 2026

Plauderecke - Die große Aufregung um die Arche

Ich weiß ja nicht, ob ihr schon davon gehört habt, aber um die Arche Noah gibt es gerade wieder eine ziemliche Aufregung. Oder genauer gesagt um eine sehr interessante Gesteinsformation in der Türkei, die manche für ihre Überreste halten. Neu ist diese Vermutung allerdings nicht. Sie beschäftigt Menschen schon seit Jahrzehnten.

Eine Entdeckung mit langer Vorgeschichte

Angefangen hatte es 1959, als dem türkischen Hauptmann İlhan Durupınar auf Luftaufnahmen eine Form auffiel, die an ein Schiff erinnerte. Die Stelle lag zudem im Osten der Türkei, in der Nähe des Berges Ararat. Da war der Gedanke an die Arche erst mal nicht weit. Schon im folgenden Jahr wurde diese Entdeckung untersucht, allerdings ohne einen Nachweis dafür zu finden, dass es sich um etwas von Menschen Gebautes handelte. Das hielt jedoch andere nicht davon ab, weiterzusuchen. Besonders Ron Wyatt machte die Stelle später bekannt. Er meinte, dort unter anderem versteinerte Holzteile und Metallbeschläge erkannt zu haben. Auch der Archeforscher David Fasold war zunächst überzeugt, dass man hier auf die Überreste der Arche gestoßen sei.

Wenn man die Bilder sieht, kann man das Interesse schon verstehen. Die Form ist ja wirklich auffällig und natürlich wäre es spannend, wenn sich dahinter tatsächlich mehr verbergen würde. Aber wie sagt man so schön: Es ist nicht alles Gold, was glänzt …

Zu der Geschichte gehört deshalb auch etwas, das bei der Begeisterung nicht untergehen sollte. Fasold kam bei seinen weiteren Untersuchungen allerdings zu einer anderen Einschätzung. Gemeinsam mit dem Geologen Lorence Collins veröffentlichte er 1996 eine Untersuchung, die die Formation als natürliches Gebilde erklärte. Die vermeintlichen Eisenbeschläge waren demnach natürliche Mineralbildungen. Auch die untersuchten Materialien lieferten keinen Nachweis für die behaupteten hölzernen Bauteile. Die auffälligen Strukturen ließen sich nach ihrer Untersuchung durch geologische Vorgänge erklären.

Nun könnte man natürlich sagen: Die Wissenschaftler wollen eben nicht glauben oder zugeben, dass es die Arche ist. Aber zumindest bei Fasold passt dieser Einwand nicht so recht. Er war ja zunächst selbst davon überzeugt gewesen. Wenn jemand nach seinen Untersuchungen zu einem anderen Ergebnis kommt, sollten wir schon genauer hinsehen, warum. Vielleicht würden wir uns wünschen, dass er bei seiner ersten Einschätzung geblieben wäre. Aber dadurch werden seine späteren Einwände nicht weniger wichtig. Entscheidend ist doch, ob dort tatsächlich Überreste eines Schiffes liegen, nicht, ob wir sie dort gern finden würden.

Quelle: NoahsArkScan



Was ist 2026 Neues dazugekommen?

In diesem Jahr begann ein offiziell genehmigtes Forschungsprojekt unter der Leitung von Professor Cenker Atila, an dem auch die Organisation Noah’s Ark Scans beteiligt ist. Es wurden weitere Messungen durchgeführt, Proben genommen und Kernbohrungen vorgenommen. Das Team sieht Hinweise, die es weiter untersuchen möchte. Nach den veröffentlichten Angaben laufen die Laboranalysen noch. Ein abschließender Bericht wurde für das Frühjahr 2027 angekündigt. Damit gibt es neue Untersuchungen. Einen wissenschaftlich bestätigten Fund der Arche gibt es nach dem bis Ende Oktober 2026 veröffentlichten Stand aber nicht.

Und genau diesen Unterschied möchte ich nicht überspringen. Wenn auf Messbildern etwas auffällt, muss erst geklärt werden, was es ist. Wenn sich Bodenproben unterscheiden, gilt dasselbe. Die Erklärung „Hier lag ein Schiff“ muss sich an den Ergebnissen prüfen lassen. Es reicht nicht, dass die Ergebnisse irgendwie dazu passen könnten. Das bedeutet nicht, dass ich die Untersuchungen uninteressant finde. Im Gegenteil. Aber ich möchte auch nicht heute etwas als Bestätigung weitergeben, das erst noch untersucht werden soll.

Deshalb gehört dieser Beitrag auch nicht als weiterer Fund in meine Reihe zur Archäologischen Bibel. Ich wollte das Thema trotzdem aufgreifen, weil solche Meldungen verständlicherweise Interesse wecken. Und weil wir gerade bei etwas, das wir gern für wahr halten würden, ehrlich bleiben sollten.
Was würde sich durch einen Fund ändern?

Was wäre denn, wenn die Untersuchungen am Ende wieder für eine natürliche Formation sprechen? Hätten wir dann einen Grund weniger, Gott zu vertrauen? Oder hätten wir lediglich festgestellt, dass diese Stelle nicht das ist, was manche darin vermutet haben? Für mich ist das ein wichtiger Unterschied.

Die Bibel verspricht uns nicht, dass wir die Arche eines Tages finden werden. Sie schließt es aber auch nicht aus. Deshalb möchte ich hier weder das eine noch das andere behaupten. Ich weiß nicht, ob Gott Überreste der Arche erhalten hat und ob wir sie jemals finden werden. Aber ich muss das auch nicht wissen, um ihm zu vertrauen.

Dabei beschäftigt mich noch ein anderer, ganz wichtiger Gedanke. Man hört bei solchen Themen schnell die Hoffnung heraus, dass ein Fund endlich die Menschen überzeugen würde. Dann hätten wir etwas in der Hand. Dann müssten sie doch glauben. Wirklich? Warum gerade bei diesem Fund? Es gibt doch schon so viele historische und archäologische Funde, die biblische Berichte bestätigen. Was wäre an diesem anders? Nur weil dieser Fund größer und sichtbarer wäre? Aber können wir wirklich davon ausgehen, dass Menschen dann glauben würden, wenn der Beweis nur eindrucksvoll genug wäre?


Zeichen, Zeitzeugen und Vertrauen

Als Schriftgelehrte und Pharisäer von Jesus ein Zeichen verlangten, erfüllte er ihre Forderung nicht. Er verwies sie auf das Zeichen des Propheten Jona (Matthäus 12,39). Und in der Geschichte vom reichen Mann und Lazarus bat der reiche Mann darum, seine Brüder durch jemanden aus dem Totenreich warnen zu lassen. Er meinte, dann würden sie umkehren. Abraham antwortete dagegen, dass sie Mose und die Propheten hätten. Wenn sie auf diese nicht hörten, würden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde (Lukas 16,31).

Historische und archäologische Funde haben durchaus ihren Platz. Sonst würde ich mich in meiner anderen Reihe wohl kaum so ausführlich damit beschäftigen. Sie dienen als eine Art Zeitzeuge und können bestätigen, was die Bibel berichtet. Aber zwischen der Überzeugung, dass ein biblischer Bericht historisch zutrifft, und dem persönlichen Vertrauen auf Gott besteht ein riesiger Unterschied. Zeichen und Wunder gab es ja auch damals schon. Trotzdem kamen nicht alle Menschen, die sie erlebten, zum Glauben. Warum sollten wir also erwarten, dass ein neuer archäologischer Fund das bewirken würde? Paulus schrieb eindeutig, dass der Glaube aus dem Hören der Botschaft kommt (Römer 10,17).

Natürlich würde ich mich freuen, wenn tatsächlich Überreste der Arche gefunden würden. Und ich würde auch wissen wollen, wie man zu diesem Ergebnis gekommen ist. Bis dahin können wir die Untersuchungen mit Interesse verfolgen, ohne schon mehr darin zu sehen, als bisher nachgewiesen wurde. Aber ob sich diese Formation nun als Überrest der Arche erweist oder nicht: Unser Vertrauen auf Gott muss nicht auf den nächsten Laborbericht warten.

In diesem Sinne, 
eure auch ohne Laborbericht zuversichtliche 


Donnerstag, 22. Oktober 2026

Die Archäologische Bibel (5): Der Siegelabdruck Hiskias

In den bisherigen Beiträgen dieser Reihe ging es um die Merenptahstele, das Relief Scheschonqs in Karnak, die Mescha-Stele und die Tel-Dan-Stele. Nun geht unsere Spurensuche weiter, diesmal mit einem wesentlich kleineren Gegenstand: einem Siegelabdruck aus Ton, der den Namen Hiskias trägt.

Bei solchen Funden stellt sich für mich immer wieder dieselbe Frage: Was haben wir tatsächlich vor uns, und was lässt sich daraus über die Menschen erfahren, von denen wir in der Bibel lesen? Dass ein vertrauter Name auftaucht, ist ja interessant, aber natürlich möchte ich auch wissen, ob sich der Fund der entsprechenden biblischen Person zuordnen lässt und worauf diese Zuordnung beruht.

Diesmal stehen auf einem kleinen Stück Ton nicht nur der Name eines Königs, sondern auch der Name seines Vaters und sein Titel. Schauen wir uns also mal an, was gefunden wurde und weshalb dieser Abdruck für unsere Spurensuche von Bedeutung ist.

Image credit: Ouria Tadmor / Eilat Mazar

Ein königlicher Name auf einem kleinen Stück Ton

Die Inschrift lautet übersetzt: „Gehört Hiskia, [Sohn des] Ahas, König von Juda.“ Der Abdruck stammt aus der Zeit um 700 vor Christus. Die Verbindung von Name, Vater und Königstitel ermöglicht die Zuordnung zu dem Hiskia, den wir aus der Bibel kennen.

Zunächst muss ich allerdings eine kleine Unterscheidung machen. Gefunden wurde nicht das Siegel selbst, sondern sein Abdruck in Ton. Ein solcher Tonverschluss wird als Bulla bezeichnet. Dieses Exemplar ist gerade einmal etwa 13 mal 12 Millimeter groß. Es verschloss ursprünglich ein zusammengerolltes Papyrusdokument, das mit dünnen Schnüren zusammengebunden war. 

Das finde ich einen interessanten Fundstück im Gegensatz zu den großen Inschriften, denen wir bisher begegnet sind. Hier ließ kein König seine militärischen Erfolge auf einem Denkmal verewigen. Der Abdruck hatte einen sehr praktischen wohl eher Alltäglichen Zweck in der damaligen Verwaltung des Könighaushaltes. Und trotzdem blieb gerade darauf sein Name erhalten.

Wo wurde der Abdruck gefunden?

Entdeckt wurde die Bulla 2009 bei den Ausgrabungen am Ophel in Jerusalem, südlich des Tempelbergs. Die Arbeiten standen unter der Leitung der Archäologin Eilat Mazar. Beim Nasssieben des Grabungsmaterials kam das kleine Stück zum Vorschein. Wessen Namen es trug, wurde allerdings nicht sofort erkannt. Erst bei einer späteren Untersuchung der Inschrift erfolgte die Zuordnung zu Hiskia. Öffentlich vorgestellt wurde der Fund im Dezember 2015.

Der Fundort war weniger königlich, als man vielleicht erwarten würde. Stellt euch vor, dieser königliche Siegelabdruck landete irgendwann auf einer Müllhalde, ohne dass jemand ahnte, welche Bedeutung er einmal haben würde. Genau dort wurde die Bulla nämlich etwa 2700 Jahre später gefunden, neben einem Gebäude, das die Ausgräber dem königlichen Bereich zuordneten. Mit ihr kamen weitere Tonverschlüsse zum Vorschein. Einige trugen Abdrücke von gröberem Stoff und stärkeren Schnüren, vermutlich von Säcken mit Lebensmitteln.

Wir haben hier also nicht nur einen einzelnen Gegenstand mit einem bekannten Namen. Auch die anderen Funde helfen dabei, ihn in seinen damaligen Zusammenhang einzuordnen.

Warum die Herkunft wichtig ist

Abdrücke mit Hiskias Namen waren bereits seit den 1990er Jahren auf dem Antiquitätenmarkt bekannt. Warum bekam dieser Fund dann so viel Aufmerksamkeit? Weil er aus einer wissenschaftlichen Ausgrabung stammte. Nach Angaben des Grabungsteams war es der erste Siegelabdruck eines Königs von Israel oder Juda, der bei einer solchen Ausgrabung entdeckt wurde.

Bei einem Gegenstand vom Antiquitätenmarkt lässt sich häufig nicht mehr zuverlässig feststellen, wo und unter welchen Umständen er gefunden wurde. Das bedeutet nicht automatisch, dass er unecht ist. Aber wichtige Informationen fehlen. Welche anderen Gegenstände lagen daneben? Aus welcher Schicht kam er? Was wissen wir über den ursprünglichen Fundort?

Bei der Bulla aus Jerusalem ist dieser Zusammenhang dokumentiert. Für die historische Einordnung macht das einen Unterschied. Es geht eben nicht nur darum, ob die Inschrift zu unseren Erwartungen passt, sondern auch darum, wie sich der Fund überprüfen lässt.

Die Bilder neben der Schrift

Auf dem Abdruck steht nicht nur Text. Er zeigt auch eine Sonne mit zwei nach unten gerichteten Flügeln. Rechts und links befinden sich zwei Anchzeichen, die für Leben stehen. Solche Motive kennen viele von uns vor allem aus Ägypten. Die geflügelte Sonne gehörte allerdings zu einer Bildsprache, die auch darüber hinaus im Alten Orient verbreitet war.

Was die Zeichen in diesem konkreten Fall ausdrücken sollten, ist schwieriger zu beantworten. Eilat Mazar erwog einen Zusammenhang mit Hiskias in der Bibel beschriebener Genesung von einer lebensbedrohlichen Krankheit. Sie brachte die Gestaltung deshalb mit seiner späteren Regierungszeit in Verbindung.

Das ist ein interessanter Gedanke. Aber hier möchte ich zwischen dem Fund und seiner Deutung unterscheiden. Die Inschrift berichtet weder von einer Krankheit noch von einer Heilung. Dass die Symbolik zu diesem Ereignis passen könnte, ist noch kein Beleg dafür, dass sie deshalb gewählt wurde.

Was bestätigt der Siegelabdruck?

Wenn wir uns auf den eigentlichen Befund beschränken, bleibt bereits einiges übrig: ein Siegelabdruck aus Jerusalem, der Hiskia, Ahas und den Titel „König von Juda“ nennt. Dazu kommen der dokumentierte Fundzusammenhang und eine zeitliche Einordnung, die zu diesem König passt. Damit haben wir einen archäologischen Beleg für einen Herrscher und seine familiäre Verbindung, die uns auch im biblischen Bericht begegnen.

Ob Hiskia das Siegel persönlich in den Ton drückte, wissen wir dadurch nicht. Auch bestätigt dieser Abdruck nicht automatisch jedes Ereignis, das über ihn erzählt wird. Das sollte man nicht behaupten.

Aber wir müssen den Fund auch nicht größer machen, als er ist, damit er Bedeutung hat. In dieser Reihe gehe ich der Frage nach, ob sich historische Angaben der Bibel auch außerhalb ihrer Seiten bestätigen lassen. Hier haben wir ein konkretes Beispiel dafür: Ein Siegelabdruck nennt Hiskia, seinen Vater Ahas und seinen Titel als König von Juda. Diese Angaben stimmen mit dem biblischen Bericht überein. Das bestätigt nicht jede Aussage über sein Leben, gibt uns aber einen weiteren Grund, die Bibel als historische Quelle ernst zu nehmen.

Was ich von dieser Spurensuche mitnehme

Für mich ist damit auch dieser Fund ein Grund, die historischen Angaben der Bibel ernst zu nehmen. Nicht, weil ein kleines Stück Ton jede Frage beantwortet, sondern weil wir daran eine konkrete Angabe überprüfen können. Hiskia begegnet uns nicht ausschließlich auf den Seiten der Bibel.

Dabei möchte ich weder mögliche Deutungen als gesicherte Tatsachen darstellen noch die Bedeutung einer tatsächlichen Übereinstimmung kleinreden. Wenn ich wissen will, warum ich glaube, was ich glaube, gehört beides dazu: Fragen zu stellen und die Antworten sorgfältig zu prüfen.

Bei meiner Suche bin ich noch auf einen weiteren Fund gestoßen, der denselben Hiskia nennt: das Taylorprisma. Dort berichtet der assyrische König Sanherib über seinen Feldzug gegen Juda. Mehr dazu hoffentlich bald, ich arbeite dran …

In diesem Sinne: Sei auch du mutig in deinen Nachforschungen und freue dich über jede gefundene Wahrheit.


Eure Lizzy

 

Quellen und weiterführende Informationen

BBC News: „Impression of biblical king’s seal found in Jerusalem“. Zum Fund und seiner Bekanntgabe.
https://www.bbc.com/news/world-middle-east-34988649

Armstrong Institute of Biblical Archaeology: „Hezekiah Bulla“. Überblick zum Siegelabdruck Hiskias.
https://armstronginstitute.org/773-hezekiah-bulla

ScienceDaily: „Impression of King Hezekiah’s royal seal discovered in excavations in Jerusalem“. Mitteilung der Hebräischen Universität Jerusalem zu Fundumständen, Inschrift, Gestaltung und möglichen Deutungen.
https://www.sciencedaily.com/releases/2015/12/151202132519.htm

Wikipedia: „King Hezekiah bulla“. Ergänzender Überblick zum Fund.
https://en.wikipedia.org/wiki/King_Hezekiah_bulla


Bibel Software:

https://www.accordancebible.com

Bilderquellen:

https://www.canva.com
(Bildbearbeitung)

https://unsplash.com/

(Bildersuche für Hintergründe) 

Bulla: Image credit: Ouria Tadmor / Eilat Mazar

Dienstag, 20. Oktober 2026

Fundsache #7: Ein versteckter Segen

Wusstet ihr schon, dass in einem einfachen Abschiedsgruß ein kleiner Segen stecken kann?

Laut Merriam-Webster ist das englische „Goodbye“ aus „God be with you“ entstanden, „Gott sei mit dir“.

Auch das spanische „adiós“, das französische „adieu“ und das italienische „addio“ tragen diesen Gedanken in sich: „Gott befohlen.“

Und im Deutschen? Unser „Ade“ kommt ebenfalls von „adieu“, und auch „Tschüss“ hat dort seine Wurzeln.

Ein schöner Gedanke: Manchmal geben wir einander beim Abschied einen Segen mit, ohne es zu wissen.


In diesem Sinne, Goodby


Eure Lizzy

Dienstag, 13. Oktober 2026

Zweiter Nachtrag zur Sache mit dem 5. Gebot: Wenn das eigene Nein nicht zählt

Wer Interesse an den vorhergehenden Beiträgen hat, findet hier den ursprünglichen Beitrag und hier den ersten Nachtrag.

Wieder bin ich auf einen Bericht gestoßen, der mich nicht loslässt. Diesmal geht es um Brigitte Stegemann, eine 83-jährige christliche Frau in Kanada. Legitim berichtet unter Berufung auf die Daily Mail und die Aussagen ihrer Enkelin, dass ihr Leben durch MAID gegen ihren Willen beendet worden sei.

Was mich besonders erschüttert: Nach den Aussagen ihrer Enkelin hatte Brigitte bereits beim ersten Gespräch über MAID klar gesagt: „Nein, das will ich nicht.“ Ihre Enkelin hatte ihr nach der Krebsdiagnose die verschiedenen Möglichkeiten erklärt, auch die medizinische Hilfe beim Sterben. Brigitte habe diese ausdrücklich abgelehnt. Ihr christlicher Glaube habe dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Später fanden dennoch Gespräche und Beurteilungen zu MAID statt. Die Enkelin berichtet, dass ihre Großmutter stark hörgeschädigt war und Englisch nicht ihre Muttersprache war. Bei einem Gespräch habe die Ärztin weder von „Tod“ noch von „Sterben“ gesprochen, sondern von Medikamenten, Frieden und Schmerzfreiheit. Als die Enkelin ihrer Großmutter zwei Tage vor dem vorgesehenen Termin ausdrücklich erklärte, dass sie am Freitag sterben werde, sei diese fassungslos gewesen und habe unter Tränen gesagt: „Ich habe einen Fehler gemacht.“

Nach Darstellung der Enkelin gab Brigitte auch am Tag ihres Todes keine ausdrückliche Zustimmung mehr. Sie habe weder gesprochen noch genickt, als die Ärztin sie fragte, ob die Verabreichung der Medikamente für sie in Ordnung sei. Dennoch sei fortgefahren worden.

Auch hier möchte ich ehrlich bleiben und darauf hinweisen, dass es sich um schwere Vorwürfe handelt, die in diesem Bericht vor allem auf dem persönlichen Zeugnis der Enkelin beruhen. Der Artikel gibt zugleich wieder, dass die behandelnden Ärzte und das Pflegeheim von einer rechtmäßigen Einwilligung ausgegangen seien. Eine abschließende Klärung enthält der Bericht nicht. Laut der darin zitierten Polizei von Belleville wird der Vorfall untersucht.

Aber gerade deshalb dürfen diese Fragen nicht verschwinden. Was bedeutet Einwilligung, wenn ein Mensch möglicherweise nicht versteht, wozu er einwilligt? Wie wird sichergestellt, dass ein anfangs deutlich ausgesprochenes Nein respektiert wird und jede spätere Entscheidung wirklich verstanden und freiwillig getroffen ist?

Was nützen Regeln und Gutachten, oder anders gefragt, wie schützen Regeln und Gutachten überhaupt, wenn das Nein eines Menschen möglicherweise nicht ernst genommen wird? Wer stellt sicher, dass gerade die Menschen gehört werden, die sich selbst kaum noch Gehör verschaffen können?

Für mich bleibt der christliche Auftrag derselbe. Bei dem Menschen bleiben. Schmerzen lindern. Zuhören. Ihn nicht auf seine Krankheit oder seine Abhängigkeit reduzieren. Sein Leben verliert nicht an Würde, nur weil er Hilfe braucht.


In diesem immer noch sehr nachdenklichen Sinne,


Eure Lizzy


Quellen: legitim (Deutsch)

              Dailymail (Englisch)