In den bisherigen Beiträgen dieser Reihe ging es um die Merenptahstele, das Relief Scheschonqs in Karnak, die Mescha-Stele und die Tel-Dan-Stele. Nun geht unsere Spurensuche weiter, diesmal mit einem wesentlich kleineren Gegenstand: einem Siegelabdruck aus Ton, der den Namen Hiskias trägt.
Bei solchen Funden stellt sich für mich immer wieder dieselbe Frage: Was
haben wir tatsächlich vor uns, und was lässt sich daraus über die Menschen
erfahren, von denen wir in der Bibel lesen? Dass ein vertrauter Name auftaucht,
ist ja interessant, aber natürlich möchte ich auch wissen, ob sich der Fund der
entsprechenden biblischen Person zuordnen lässt und worauf diese Zuordnung beruht.
Diesmal stehen auf einem kleinen Stück Ton nicht nur der Name eines Königs,
sondern auch der Name seines Vaters und sein Titel. Schauen wir uns also mal an,
was gefunden wurde und weshalb dieser Abdruck für unsere Spurensuche von
Bedeutung ist.

Image credit: Ouria Tadmor / Eilat Mazar
Ein königlicher Name auf einem kleinen Stück Ton
Die Inschrift lautet übersetzt: „Gehört Hiskia, [Sohn des] Ahas, König von
Juda.“ Der Abdruck stammt aus der Zeit um 700 vor Christus. Die Verbindung von
Name, Vater und Königstitel ermöglicht die Zuordnung zu dem Hiskia, den wir aus
der Bibel kennen.
Zunächst muss ich allerdings eine kleine Unterscheidung machen. Gefunden
wurde nicht das Siegel selbst, sondern sein Abdruck in Ton. Ein solcher
Tonverschluss wird als Bulla bezeichnet. Dieses Exemplar ist gerade einmal etwa
13 mal 12 Millimeter groß. Es verschloss ursprünglich ein zusammengerolltes
Papyrusdokument, das mit dünnen Schnüren zusammengebunden war.
Das finde ich einen interessanten Fundstück im Gegensatz zu den großen Inschriften,
denen wir bisher begegnet sind. Hier ließ kein König seine militärischen
Erfolge auf einem Denkmal verewigen. Der Abdruck hatte einen sehr praktischen wohl eher Alltäglichen Zweck
in der damaligen Verwaltung des Könighaushaltes. Und trotzdem blieb gerade darauf sein Name
erhalten.
Wo wurde der Abdruck gefunden?
Entdeckt wurde die Bulla 2009 bei den Ausgrabungen am Ophel in Jerusalem,
südlich des Tempelbergs. Die Arbeiten standen unter der Leitung der Archäologin
Eilat Mazar. Beim Nasssieben des Grabungsmaterials kam das kleine Stück zum
Vorschein. Wessen Namen es trug, wurde allerdings nicht sofort erkannt. Erst
bei einer späteren Untersuchung der Inschrift erfolgte die Zuordnung zu Hiskia.
Öffentlich vorgestellt wurde der Fund im Dezember 2015.
Der Fundort war weniger königlich, als man vielleicht erwarten würde. Stellt euch vor, dieser königliche Siegelabdruck landete irgendwann auf einer Müllhalde, ohne dass jemand ahnte, welche Bedeutung er einmal haben würde. Genau dort wurde die Bulla nämlich etwa 2700 Jahre später gefunden, neben einem Gebäude, das die Ausgräber dem königlichen Bereich zuordneten. Mit ihr kamen weitere Tonverschlüsse zum Vorschein. Einige trugen Abdrücke von gröberem Stoff und stärkeren Schnüren, vermutlich von Säcken mit Lebensmitteln.
Wir haben hier also nicht nur einen einzelnen Gegenstand mit einem
bekannten Namen. Auch die anderen Funde helfen dabei, ihn in seinen damaligen
Zusammenhang einzuordnen.
Warum die Herkunft wichtig ist
Abdrücke mit Hiskias Namen waren bereits seit den 1990er Jahren auf dem
Antiquitätenmarkt bekannt. Warum bekam dieser Fund dann so viel Aufmerksamkeit?
Weil er aus einer wissenschaftlichen Ausgrabung stammte. Nach Angaben des
Grabungsteams war es der erste Siegelabdruck eines Königs von Israel oder Juda,
der bei einer solchen Ausgrabung entdeckt wurde.
Bei einem Gegenstand vom Antiquitätenmarkt lässt sich häufig nicht mehr
zuverlässig feststellen, wo und unter welchen Umständen er gefunden wurde. Das
bedeutet nicht automatisch, dass er unecht ist. Aber wichtige Informationen
fehlen. Welche anderen Gegenstände lagen daneben? Aus welcher Schicht kam er?
Was wissen wir über den ursprünglichen Fundort?
Bei der Bulla aus Jerusalem ist dieser Zusammenhang dokumentiert. Für die
historische Einordnung macht das einen Unterschied. Es geht eben nicht nur
darum, ob die Inschrift zu unseren Erwartungen passt, sondern auch darum, wie
sich der Fund überprüfen lässt.
Die Bilder neben der Schrift
Auf dem Abdruck steht nicht nur Text. Er zeigt auch eine Sonne mit zwei
nach unten gerichteten Flügeln. Rechts und links befinden sich zwei
Anchzeichen, die für Leben stehen. Solche Motive kennen viele von uns vor allem
aus Ägypten. Die geflügelte Sonne gehörte allerdings zu einer Bildsprache, die
auch darüber hinaus im Alten Orient verbreitet war.
Was die Zeichen in diesem konkreten Fall ausdrücken sollten, ist
schwieriger zu beantworten. Eilat Mazar erwog einen Zusammenhang mit Hiskias in
der Bibel beschriebener Genesung von einer lebensbedrohlichen Krankheit. Sie
brachte die Gestaltung deshalb mit seiner späteren Regierungszeit in
Verbindung.
Das ist ein interessanter Gedanke. Aber hier möchte ich zwischen dem Fund
und seiner Deutung unterscheiden. Die Inschrift berichtet weder von einer
Krankheit noch von einer Heilung. Dass die Symbolik zu diesem Ereignis passen
könnte, ist noch kein Beleg dafür, dass sie deshalb gewählt wurde.
Was bestätigt der Siegelabdruck?
Wenn wir uns auf den eigentlichen Befund beschränken, bleibt bereits
einiges übrig: ein Siegelabdruck aus Jerusalem, der Hiskia, Ahas und den Titel
„König von Juda“ nennt. Dazu kommen der dokumentierte Fundzusammenhang und eine
zeitliche Einordnung, die zu diesem König passt. Damit haben wir einen
archäologischen Beleg für einen Herrscher und seine familiäre Verbindung, die
uns auch im biblischen Bericht begegnen.
Ob Hiskia das Siegel persönlich in den Ton drückte, wissen wir dadurch
nicht. Auch bestätigt dieser Abdruck nicht automatisch jedes Ereignis, das über
ihn erzählt wird. Das sollte man nicht behaupten.
Aber wir müssen den Fund auch nicht größer machen, als er ist, damit er Bedeutung hat. In dieser Reihe gehe ich der Frage nach, ob sich historische Angaben der Bibel auch außerhalb ihrer Seiten bestätigen lassen. Hier haben wir ein konkretes Beispiel dafür: Ein Siegelabdruck nennt Hiskia, seinen Vater Ahas und seinen Titel als König von Juda. Diese Angaben stimmen mit dem biblischen Bericht überein. Das bestätigt nicht jede Aussage über sein Leben, gibt uns aber einen weiteren Grund, die Bibel als historische Quelle ernst zu nehmen.
Was ich von dieser Spurensuche mitnehme
Für mich ist damit auch dieser Fund ein Grund, die historischen Angaben der Bibel
ernst zu nehmen. Nicht, weil ein kleines Stück Ton jede Frage beantwortet,
sondern weil wir daran eine konkrete Angabe überprüfen können. Hiskia begegnet
uns nicht ausschließlich auf den Seiten der Bibel.
Dabei möchte ich weder mögliche Deutungen als gesicherte Tatsachen
darstellen noch die Bedeutung einer tatsächlichen Übereinstimmung kleinreden.
Wenn ich wissen will, warum ich glaube, was ich glaube, gehört beides dazu:
Fragen zu stellen und die Antworten sorgfältig zu prüfen.
Bei meiner Suche bin ich noch auf einen weiteren Fund gestoßen, der
denselben Hiskia nennt: das Taylorprisma. Dort berichtet der assyrische König
Sanherib über seinen Feldzug gegen Juda. Mehr dazu hoffentlich bald, ich
arbeite dran …
In diesem Sinne: Sei auch du mutig in deinen Nachforschungen und freue dich
über jede gefundene Wahrheit.
Eure Lizzy
Quellen und weiterführende Informationen
BBC News: „Impression of biblical king’s seal
found in Jerusalem“. Zum Fund und seiner Bekanntgabe.
https://www.bbc.com/news/world-middle-east-34988649
Armstrong Institute of Biblical Archaeology:
„Hezekiah Bulla“. Überblick zum Siegelabdruck Hiskias.
https://armstronginstitute.org/773-hezekiah-bulla
ScienceDaily: „Impression of King Hezekiah’s
royal seal discovered in excavations in Jerusalem“. Mitteilung der
Hebräischen Universität Jerusalem zu Fundumständen, Inschrift, Gestaltung und
möglichen Deutungen.
https://www.sciencedaily.com/releases/2015/12/151202132519.htm
Wikipedia: „King Hezekiah bulla“. Ergänzender
Überblick zum Fund.
https://en.wikipedia.org/wiki/King_Hezekiah_bulla
Bibel Software:
https://www.accordancebible.com
Bilderquellen:
https://www.canva.com
(Bildbearbeitung)











