Ich habe mich entschieden, die Dinge hier so anonym wie möglich zu halten. Denn obwohl ich Einwände und Fragen habe, möchte ich keinen Bruder und keine Schwester im Glauben verletzen oder verurteilen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich selbst solche Geschichten gehört habe, ohne die Erklärung dahinter genauer zu hinterfragen.
Noch etwas, bevor ich weiterschreibe. Bei dieser Art von Zeugnissen fällt mir häufig auf, dass sie von anderen weitererzählt werden, oft recht anonym und nicht überprüfbar. Ich weiß, dass das an sich nicht unbedingt ein Problem sein muss. Aber in bestimmten „Ecken“ des Christentums scheinen solche Zeugnisse eher dazu zu dienen, geistliche Lektionen zu erteilen, ohne für die Aussagen persönlich Verantwortung zu tragen. Und diese Lektionen sind nicht unbedingt biblisch. Eine bewegende Geschichte macht die Erklärung, die man daraus ableitet, nicht automatisch richtig.
Worum ging es also in dem Video? In einem Interview beschrieb jemand folgendes Szenario.
Eine Missionarsfamilie glaubte, von Gott den Auftrag bekommen zu haben, ihr Auto einer anderen Familie zu geben. Die „Stimme“, die ihnen zu diesem Auto verholfen hatte, forderte sie nun dazu auf, es weiterzugeben. Das taten sie im festen Glauben, dass Gott wieder für sie sorgen würde. Ein anderes Auto hatten sie nicht.
Nun verging die Zeit, aber ein Ersatz kam nicht. Das Leben ohne Auto brachte finanzielle Schwierigkeiten mit sich, bis hin zu Schulden. Schließlich begann der Missionar daran zu zweifeln, ob er Gott richtig verstanden hatte.
Irgendwann kam ein Ehepaar und erklärte, Gott habe ihnen gesagt, sie sollten der Familie ein Auto kaufen.
Die Erleichterung war natürlich groß. Trotzdem beschäftigte den Missionar die Zeit davor. Er fragte Gott, ob er etwas falsch gemacht habe. Warum war die Zeit zwischen dem Weggeben des Autos und dem Erhalt eines anderen so schmerzhaft gewesen, wenn er doch gehorsam gewesen war?
Die Antwort, die er laut der Erzählung von Gott erhielt, war sinngemäß folgende: Er habe bereits zehn Menschen aufgefordert, ihnen ein Auto zu geben. Dieses Ehepaar sei das erste gewesen, das ihm gehorcht habe.
Am Ende der Geschichte kam es zu Ahhs und Ohhs. Wie oft hatte die eigene Angst wohl schon dazu geführt, dass jemand anderes eine Hilfe nicht bekam, die Gott ihm zugedacht hatte?
Ja, unser Gehorsam ist wichtig, und unser Ungehorsam kann anderen schaden. Das ist nicht falsch, aber …
Dieses Video blieb mir im Kopf, und ich entschied mich, es noch einmal anzusehen. Unter den Kommentaren fand ich genau den Einwand, zu dem ich selbst gekommen war: Man reduziert den Gott der Schöpfung auf ein hilfloses Wesen, das auf unsere Mitarbeit angewiesen ist.
Das war deutlich formuliert, aber ich konnte dem Gedanken zustimmen. Denn in der Geschichte, zumindest so, wie sie erzählt wurde, brachte das Warten auf den Gehorsam anderer die Missionarsfamilie in schwere Zeiten.
Gott wollte sie versorgen, aber andere gehorchten nicht. Also mussten sie warten, bis endlich jemand mitmachte.
Das war einer meiner Hauptpunkte, aber es gab noch andere. Dazu später mehr.
In den Antworten wurde dann auf biblische Geschichten verwiesen, in denen Menschen ungehorsam waren oder ihren Auftrag zunächst nicht erfüllten. Der Gedanke dahinter war offenbar: Auch dort mussten andere warten, oder jemand anderes musste eine Aufgabe übernehmen.
Aber was belegt das eigentlich? Dass Menschen ungehorsam sind und ihr Verhalten Folgen hat? Das stand gar nicht zur Debatte. Die Frage war doch, ob Gott deshalb auf ihren Gehorsam angewiesen ist.
Nehmen wir Mose. Er sollte zum Felsen sprechen, schlug aber darauf. Trotzdem kam Wasser hervor. Das Volk und seine Tiere bekamen zu trinken. Mose und Aaron wurden für ihr Verhalten zur Verantwortung gezogen, aber Gott hielt die Versorgung nicht zurück, bis jemand den Auftrag richtig ausführte. Genau darin liegt für mich ein entscheidender Unterschied zur erzählten Geschichte.
Der Ungehorsam blieb nicht ohne Folgen. Aber er machte Gott nicht unfähig, das Volk zu versorgen.
Ein weiteres Beispiel wäre Jona, aber da muss man etwas genauer hinsehen. Ja, er lief zunächst vor seinem Auftrag davon. Aber die Erzählung berichtet nicht davon, dass die Menschen in Ninive deshalb in eine zusätzliche Not gerieten, während Gott auf einen gehorsamen Propheten warten musste. Die Ankündigung des Gerichts in vierzig Tagen erfolgte erst, als Jona in der Stadt predigte.
Damit will ich nicht behaupten, wir wüssten alles darüber, was während seiner Flucht in Ninive geschah. Aber „Ninive musste auf Jona warten“ ist noch kein Beleg für den Zusammenhang, den die Geschichte über die Missionarsfamilie herstellt.
Denn dort wurde die schmerzhafte Wartezeit ausdrücklich damit erklärt, dass andere Menschen nicht gehorcht hätten. Nicht nur: Menschen verweigerten ihre Hilfe. Sondern: Die Versorgung, die Gott der Familie zugedacht hatte, blieb deshalb aus.
Und genau hier muss man unterscheiden.
Wenn ich jemandem nicht helfe, obwohl ich helfen könnte, kann dieser Mensch darunter leiden. Das ist meine Verantwortung. Aber daraus folgt nicht, dass Gott ebenfalls auf meine Hilfe angewiesen ist.
Gott kann durch mich handeln. Das bedeutet nicht, dass er ohne mich nicht handeln kann. Paulus beschreibt den Schöpfer ausdrücklich als denjenigen, der selbst allen Leben, Atem und alles andere gibt, nicht als jemanden, der etwas von uns benötigt.
Deshalb reicht es nicht, auf irgendeine Geschichte über menschliches Versagen zu verweisen. Man muss fragen, ob sie tatsächlich zeigt, was damit begründet werden soll.
Mein Einwand richtet sich nicht gegen die Aufforderung zum Gehorsam. Er richtet sich gegen eine Erklärung, dass Gott von unserem Gehorsam abhängig ist.
Das bringt mich zu einem Punkt, der mir persönlich fast noch wichtiger ist. Wenn ich ehrlich bin, störe ich mich an dem Wort „Stimme“. In der Erzählung hieß es, dass die Stimme, die ihnen das Auto gegeben hatte, es nun wieder abverlangte.
Nun leben wir in einer geistlichen Realität, in der viele Stimmen sprechen, und die Bibel fordert uns ausdrücklich auf, die Geister zu prüfen. Ich möchte hier gar nicht behaupten, dass es nicht Gott war, der die Familie um ein Opfer bat. Das weiß ich nicht. Aber die ganzen Umstände machen mich schon nachdenklich und führen mich zu Fragen, die ich bei solchen Geschichten immer wieder stelle.
Woher kommt eigentlich der Gedanke, dass wir, wenn wir etwas für Gott aufgeben, automatisch etwas Neues, Besseres oder einen Ersatz zurückbekommen? Widerspricht diese Erwartung nicht dem Wesen einer echten Opfergabe? Wenn ich etwas hingebe und davon ausgehe, dass Gott es mir wieder ersetzt, gebe ich es dann wirklich hin, oder tausche ich es gegen etwas ein, das ich von ihm erwarte?
Und warum wird der ausbleibende Ersatz dann zum Anlass, daran zu zweifeln, ob Gott gesprochen hat? Hatte Gott Ersatz zugesagt, oder war das die eigene Schlussfolgerung?
Ganz praktisch gefragt: Hätte es nicht auch gereicht, in diesem Fall das Auto einfach zu verleihen?
Und warum dieser riesige Umweg über mehrere Familien? Warum hilft Gott der bedürftigen Familie nicht einfach direkt? Fehlt ihr der richtige Glaube oder der Draht nach oben? Natürlich kann er Menschen gebrauchen. Aber warum wird seine Versorgung in dieser Geschichte so dargestellt, als müsse sie diesen Umweg nehmen und sei dann auch noch an den Gehorsam Dritter gebunden?
Das klingt fast so, als bräuchte der Gott der Schöpfung uns als zwingende Partner, um seinen Willen auf Erden auszuführen. Und genau darin liegt für mich der Unterschied: Gott gebraucht Menschen. Aber ist er deshalb auf sie angewiesen?
Und damit komme ich noch einmal zu der „Stimme“ zurück. Wenn Gehorsam gegenüber einer Stimme erwartet wird, ohne dass man selbst am Wort prüft, wer da eigentlich spricht, kann daraus schnell Manipulation werden. Besonders dann, wenn Angst ins Spiel kommt: Wenn ich nicht gehorche, enttäusche ich Gott. Dann muss er sich jemand anderen suchen. Und bis dahin leiden womöglich noch andere Menschen wegen mir.
Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, ob ich helfen kann und soll. Plötzlich soll ich auch die Verantwortung dafür tragen, dass Gottes Versorgung für jemand anderen ausbleibt. Eine Geschichte, die zum Vertrauen ermutigen soll, erzeugt so Druck und Schuldgefühle.
Ich unterstelle dem Erzähler nicht, dass er das beabsichtigt. Aber genau deshalb müssen wir nicht nur auf die gute Absicht schauen, sondern auch darauf, was mit solchen Geschichten gelehrt wird.
Gehorsam gegenüber Gott ist wichtig. Aber nicht jede Stimme ist Gottes Stimme, und nicht jede Aufforderung zum Gehorsam ist deshalb schon biblisch. Gott gebraucht uns. Das macht uns verantwortlich für unser Handeln, aber nicht dafür, dass er ohne uns angeblich nicht weiterkommt.
In diesem Sinne: Taucht tief in Gottes Wort ein und prüft alles im Licht seiner Wahrheit.
Eure Lizzy
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