Donnerstag, 22. Oktober 2026

Die Archäologische Bibel (5): Der Siegelabdruck Hiskias

In den bisherigen Beiträgen dieser Reihe ging es um die Merenptahstele, das Relief Scheschonqs in Karnak, die Mescha-Stele und die Tel-Dan-Stele. Nun geht unsere Spurensuche weiter, diesmal mit einem wesentlich kleineren Gegenstand: einem Siegelabdruck aus Ton, der den Namen Hiskias trägt.

Bei solchen Funden stellt sich für mich immer wieder dieselbe Frage: Was haben wir tatsächlich vor uns, und was lässt sich daraus über die Menschen erfahren, von denen wir in der Bibel lesen? Dass ein vertrauter Name auftaucht, ist ja interessant, aber natürlich möchte ich auch wissen, ob sich der Fund der entsprechenden biblischen Person zuordnen lässt und worauf diese Zuordnung beruht.

Diesmal stehen auf einem kleinen Stück Ton nicht nur der Name eines Königs, sondern auch der Name seines Vaters und sein Titel. Schauen wir uns also mal an, was gefunden wurde und weshalb dieser Abdruck für unsere Spurensuche von Bedeutung ist.

Image credit: Ouria Tadmor / Eilat Mazar

Ein königlicher Name auf einem kleinen Stück Ton

Die Inschrift lautet übersetzt: „Gehört Hiskia, [Sohn des] Ahas, König von Juda.“ Der Abdruck stammt aus der Zeit um 700 vor Christus. Die Verbindung von Name, Vater und Königstitel ermöglicht die Zuordnung zu dem Hiskia, den wir aus der Bibel kennen.

Zunächst muss ich allerdings eine kleine Unterscheidung machen. Gefunden wurde nicht das Siegel selbst, sondern sein Abdruck in Ton. Ein solcher Tonverschluss wird als Bulla bezeichnet. Dieses Exemplar ist gerade einmal etwa 13 mal 12 Millimeter groß. Es verschloss ursprünglich ein zusammengerolltes Papyrusdokument, das mit dünnen Schnüren zusammengebunden war. 

Das finde ich einen interessanten Fundstück im Gegensatz zu den großen Inschriften, denen wir bisher begegnet sind. Hier ließ kein König seine militärischen Erfolge auf einem Denkmal verewigen. Der Abdruck hatte einen sehr praktischen wohl eher Alltäglichen Zweck in der damaligen Verwaltung des Könighaushaltes. Und trotzdem blieb gerade darauf sein Name erhalten.

Wo wurde der Abdruck gefunden?

Entdeckt wurde die Bulla 2009 bei den Ausgrabungen am Ophel in Jerusalem, südlich des Tempelbergs. Die Arbeiten standen unter der Leitung der Archäologin Eilat Mazar. Beim Nasssieben des Grabungsmaterials kam das kleine Stück zum Vorschein. Wessen Namen es trug, wurde allerdings nicht sofort erkannt. Erst bei einer späteren Untersuchung der Inschrift erfolgte die Zuordnung zu Hiskia. Öffentlich vorgestellt wurde der Fund im Dezember 2015.

Der Fundort war weniger königlich, als man vielleicht erwarten würde. Stellt euch vor, dieser königliche Siegelabdruck landete irgendwann auf einer Müllhalde, ohne dass jemand ahnte, welche Bedeutung er einmal haben würde. Genau dort wurde die Bulla nämlich etwa 2700 Jahre später gefunden, neben einem Gebäude, das die Ausgräber dem königlichen Bereich zuordneten. Mit ihr kamen weitere Tonverschlüsse zum Vorschein. Einige trugen Abdrücke von gröberem Stoff und stärkeren Schnüren, vermutlich von Säcken mit Lebensmitteln.

Wir haben hier also nicht nur einen einzelnen Gegenstand mit einem bekannten Namen. Auch die anderen Funde helfen dabei, ihn in seinen damaligen Zusammenhang einzuordnen.

Warum die Herkunft wichtig ist

Abdrücke mit Hiskias Namen waren bereits seit den 1990er Jahren auf dem Antiquitätenmarkt bekannt. Warum bekam dieser Fund dann so viel Aufmerksamkeit? Weil er aus einer wissenschaftlichen Ausgrabung stammte. Nach Angaben des Grabungsteams war es der erste Siegelabdruck eines Königs von Israel oder Juda, der bei einer solchen Ausgrabung entdeckt wurde.

Bei einem Gegenstand vom Antiquitätenmarkt lässt sich häufig nicht mehr zuverlässig feststellen, wo und unter welchen Umständen er gefunden wurde. Das bedeutet nicht automatisch, dass er unecht ist. Aber wichtige Informationen fehlen. Welche anderen Gegenstände lagen daneben? Aus welcher Schicht kam er? Was wissen wir über den ursprünglichen Fundort?

Bei der Bulla aus Jerusalem ist dieser Zusammenhang dokumentiert. Für die historische Einordnung macht das einen Unterschied. Es geht eben nicht nur darum, ob die Inschrift zu unseren Erwartungen passt, sondern auch darum, wie sich der Fund überprüfen lässt.

Die Bilder neben der Schrift

Auf dem Abdruck steht nicht nur Text. Er zeigt auch eine Sonne mit zwei nach unten gerichteten Flügeln. Rechts und links befinden sich zwei Anchzeichen, die für Leben stehen. Solche Motive kennen viele von uns vor allem aus Ägypten. Die geflügelte Sonne gehörte allerdings zu einer Bildsprache, die auch darüber hinaus im Alten Orient verbreitet war.

Was die Zeichen in diesem konkreten Fall ausdrücken sollten, ist schwieriger zu beantworten. Eilat Mazar erwog einen Zusammenhang mit Hiskias in der Bibel beschriebener Genesung von einer lebensbedrohlichen Krankheit. Sie brachte die Gestaltung deshalb mit seiner späteren Regierungszeit in Verbindung.

Das ist ein interessanter Gedanke. Aber hier möchte ich zwischen dem Fund und seiner Deutung unterscheiden. Die Inschrift berichtet weder von einer Krankheit noch von einer Heilung. Dass die Symbolik zu diesem Ereignis passen könnte, ist noch kein Beleg dafür, dass sie deshalb gewählt wurde.

Was bestätigt der Siegelabdruck?

Wenn wir uns auf den eigentlichen Befund beschränken, bleibt bereits einiges übrig: ein Siegelabdruck aus Jerusalem, der Hiskia, Ahas und den Titel „König von Juda“ nennt. Dazu kommen der dokumentierte Fundzusammenhang und eine zeitliche Einordnung, die zu diesem König passt. Damit haben wir einen archäologischen Beleg für einen Herrscher und seine familiäre Verbindung, die uns auch im biblischen Bericht begegnen.

Ob Hiskia das Siegel persönlich in den Ton drückte, wissen wir dadurch nicht. Auch bestätigt dieser Abdruck nicht automatisch jedes Ereignis, das über ihn erzählt wird. Das sollte man nicht behaupten.

Aber wir müssen den Fund auch nicht größer machen, als er ist, damit er Bedeutung hat. In dieser Reihe gehe ich der Frage nach, ob sich historische Angaben der Bibel auch außerhalb ihrer Seiten bestätigen lassen. Hier haben wir ein konkretes Beispiel dafür: Ein Siegelabdruck nennt Hiskia, seinen Vater Ahas und seinen Titel als König von Juda. Diese Angaben stimmen mit dem biblischen Bericht überein. Das bestätigt nicht jede Aussage über sein Leben, gibt uns aber einen weiteren Grund, die Bibel als historische Quelle ernst zu nehmen.

Was ich von dieser Spurensuche mitnehme

Für mich ist damit auch dieser Fund ein Grund, die historischen Angaben der Bibel ernst zu nehmen. Nicht, weil ein kleines Stück Ton jede Frage beantwortet, sondern weil wir daran eine konkrete Angabe überprüfen können. Hiskia begegnet uns nicht ausschließlich auf den Seiten der Bibel.

Dabei möchte ich weder mögliche Deutungen als gesicherte Tatsachen darstellen noch die Bedeutung einer tatsächlichen Übereinstimmung kleinreden. Wenn ich wissen will, warum ich glaube, was ich glaube, gehört beides dazu: Fragen zu stellen und die Antworten sorgfältig zu prüfen.

Bei meiner Suche bin ich noch auf einen weiteren Fund gestoßen, der denselben Hiskia nennt: das Taylorprisma. Dort berichtet der assyrische König Sanherib über seinen Feldzug gegen Juda. Mehr dazu hoffentlich bald, ich arbeite dran …

In diesem Sinne: Sei auch du mutig in deinen Nachforschungen und freue dich über jede gefundene Wahrheit.


Eure Lizzy

 

Quellen und weiterführende Informationen

BBC News: „Impression of biblical king’s seal found in Jerusalem“. Zum Fund und seiner Bekanntgabe.
https://www.bbc.com/news/world-middle-east-34988649

Armstrong Institute of Biblical Archaeology: „Hezekiah Bulla“. Überblick zum Siegelabdruck Hiskias.
https://armstronginstitute.org/773-hezekiah-bulla

ScienceDaily: „Impression of King Hezekiah’s royal seal discovered in excavations in Jerusalem“. Mitteilung der Hebräischen Universität Jerusalem zu Fundumständen, Inschrift, Gestaltung und möglichen Deutungen.
https://www.sciencedaily.com/releases/2015/12/151202132519.htm

Wikipedia: „King Hezekiah bulla“. Ergänzender Überblick zum Fund.
https://en.wikipedia.org/wiki/King_Hezekiah_bulla


Bibel Software:

https://www.accordancebible.com

Bilderquellen:

https://www.canva.com
(Bildbearbeitung)

https://unsplash.com/

(Bildersuche für Hintergründe) 

Bulla: Image credit: Ouria Tadmor / Eilat Mazar

Dienstag, 20. Oktober 2026

Fundsache #7: Ein versteckter Segen

Wusstet ihr schon, dass in einem einfachen Abschiedsgruß ein kleiner Segen stecken kann?

Laut Merriam-Webster ist das englische „Goodbye“ aus „God be with you“ entstanden, „Gott sei mit dir“.

Auch das spanische „adiós“, das französische „adieu“ und das italienische „addio“ tragen diesen Gedanken in sich: „Gott befohlen.“

Und im Deutschen? Unser „Ade“ kommt ebenfalls von „adieu“, und auch „Tschüss“ hat dort seine Wurzeln.

Ein schöner Gedanke: Manchmal geben wir einander beim Abschied einen Segen mit, ohne es noch zu wissen.


In diesem Sinne, Goodby


Eure Lizzy

Dienstag, 13. Oktober 2026

Zweiter Nachtrag zur Sache mit dem 5. Gebot: Wenn das eigene Nein nicht zählt

Wer Interesse an den vorhergehenden Beiträgen hat, findet hier den ursprünglichen Beitrag und hier den ersten Nachtrag.

Wieder bin ich auf einen Bericht gestoßen, der mich nicht loslässt. Diesmal geht es um Brigitte Stegemann, eine 83-jährige christliche Frau in Kanada. Legitim berichtet unter Berufung auf die Daily Mail und die Aussagen ihrer Enkelin, dass ihr Leben durch MAID gegen ihren Willen beendet worden sei.

Was mich besonders erschüttert: Nach den Aussagen ihrer Enkelin hatte Brigitte bereits beim ersten Gespräch über MAID klar gesagt: „Nein, das will ich nicht.“ Ihre Enkelin hatte ihr nach der Krebsdiagnose die verschiedenen Möglichkeiten erklärt, auch die medizinische Hilfe beim Sterben. Brigitte habe diese ausdrücklich abgelehnt. Ihr christlicher Glaube habe dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Später fanden dennoch Gespräche und Beurteilungen zu MAID statt. Die Enkelin berichtet, dass ihre Großmutter stark hörgeschädigt war und Englisch nicht ihre Muttersprache war. Bei einem Gespräch habe die Ärztin weder von „Tod“ noch von „Sterben“ gesprochen, sondern von Medikamenten, Frieden und Schmerzfreiheit. Als die Enkelin ihrer Großmutter zwei Tage vor dem vorgesehenen Termin ausdrücklich erklärte, dass sie am Freitag sterben werde, sei diese fassungslos gewesen und habe unter Tränen gesagt: „Ich habe einen Fehler gemacht.“

Nach Darstellung der Enkelin gab Brigitte auch am Tag ihres Todes keine ausdrückliche Zustimmung mehr. Sie habe weder gesprochen noch genickt, als die Ärztin sie fragte, ob die Verabreichung der Medikamente für sie in Ordnung sei. Dennoch sei fortgefahren worden.

Auch hier möchte ich ehrlich bleiben und darauf hinweisen, dass es sich um schwere Vorwürfe handelt, die in diesem Bericht vor allem auf dem persönlichen Zeugnis der Enkelin beruhen. Der Artikel gibt zugleich wieder, dass die behandelnden Ärzte und das Pflegeheim von einer rechtmäßigen Einwilligung ausgegangen seien. Eine abschließende Klärung enthält der Bericht nicht. Laut der darin zitierten Polizei von Belleville wird der Vorfall untersucht.

Aber gerade deshalb dürfen diese Fragen nicht verschwinden. Was bedeutet Einwilligung, wenn ein Mensch möglicherweise nicht versteht, wozu er einwilligt? Wie wird sichergestellt, dass ein anfangs deutlich ausgesprochenes Nein respektiert wird und jede spätere Entscheidung wirklich verstanden und freiwillig getroffen ist?

Was nützen Regeln und Gutachten, oder anders gefragt, wie schützen Regeln und Gutachten überhaupt, wenn das Nein eines Menschen möglicherweise nicht ernst genommen wird? Wer stellt sicher, dass gerade die Menschen gehört werden, die sich selbst kaum noch Gehör verschaffen können?

Für mich bleibt der christliche Auftrag derselbe. Bei dem Menschen bleiben. Schmerzen lindern. Zuhören. Ihn nicht auf seine Krankheit oder seine Abhängigkeit reduzieren. Sein Leben verliert nicht an Würde, nur weil er Hilfe braucht.


In diesem immer noch sehr nachdenklichen Sinne,


Eure Lizzy


Quellen: legitim (Deutsch)

              Dailymail (Englisch)


Dienstag, 6. Oktober 2026

Plauderecke: Muss Gott auf uns warten?

Neulich sah ich online ein kurzes Video, in dem es um die Versorgung Gottes ging. Auf den ersten Blick eine rührende Geschichte mit einer wichtigen Botschaft, auf den zweiten Blick etwas problematisch. Wie so oft war auch ich erst einmal von der Geschichte bewegt, aber irgendetwas stimmte nicht. Kennt ihr das? Man weiß, dass da irgendwo ein Fehler liegt, aber es dauert einen Moment, bis man ihn findet.

Ich habe mich entschieden, die Dinge hier so anonym wie möglich zu halten. Denn obwohl ich Einwände und Fragen habe, möchte ich keinen Bruder und keine Schwester im Glauben verletzen oder verurteilen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich selbst solche Geschichten gehört habe, ohne die Erklärung dahinter genauer zu hinterfragen.

Noch etwas, bevor ich weiterschreibe. Bei dieser Art von Zeugnissen fällt mir häufig auf, dass sie von anderen weitererzählt werden, oft recht anonym und nicht überprüfbar. Ich weiß, dass das an sich nicht unbedingt ein Problem sein muss. Aber in bestimmten „Ecken“ des Christentums scheinen solche Zeugnisse eher dazu zu dienen, geistliche Lektionen zu erteilen, ohne für die Aussagen persönlich Verantwortung zu tragen. Und diese Lektionen sind nicht unbedingt biblisch. Eine bewegende Geschichte macht die Erklärung, die man daraus ableitet, nicht automatisch richtig.


Worum ging es also in dem Video? In einem Interview beschrieb jemand folgendes Szenario.

Eine Missionarsfamilie glaubte, von Gott den Auftrag bekommen zu haben, ihr Auto einer anderen Familie zu geben. Die „Stimme“, die ihnen zu diesem Auto verholfen hatte, forderte sie nun dazu auf, es weiterzugeben. Das taten sie im festen Glauben, dass Gott wieder für sie sorgen würde. Ein anderes Auto hatten sie nicht.

Nun verging die Zeit, aber ein Ersatz kam nicht. Das Leben ohne Auto brachte finanzielle Schwierigkeiten mit sich, bis hin zu Schulden. Schließlich begann der Missionar daran zu zweifeln, ob er Gott richtig verstanden hatte.

Irgendwann kam ein Ehepaar und erklärte, Gott habe ihnen gesagt, sie sollten der Familie ein Auto kaufen.

Die Erleichterung war natürlich groß. Trotzdem beschäftigte den Missionar die Zeit davor. Er fragte Gott, ob er etwas falsch gemacht habe. Warum war die Zeit zwischen dem Weggeben des Autos und dem Erhalt eines anderen so schmerzhaft gewesen, wenn er doch gehorsam gewesen war?

Die Antwort, die er laut der Erzählung von Gott erhielt, war sinngemäß folgende: Er habe bereits zehn Menschen aufgefordert, ihnen ein Auto zu geben. Dieses Ehepaar sei das erste gewesen, das ihm gehorcht habe.

Am Ende der Geschichte kam es zu Ahhs und Ohhs. Wie oft hatte die eigene Angst wohl schon dazu geführt, dass jemand anderes eine Hilfe nicht bekam, die Gott ihm zugedacht hatte?

Ja, unser Gehorsam ist wichtig, und unser Ungehorsam kann anderen schaden. Das ist nicht falsch, aber …

Dieses Video blieb mir im Kopf, und ich entschied mich, es noch einmal anzusehen. Unter den Kommentaren fand ich genau den Einwand, zu dem ich selbst gekommen war: Man reduziert den Gott der Schöpfung auf ein hilfloses Wesen, das auf unsere Mitarbeit angewiesen ist.

Das war deutlich formuliert, aber ich konnte dem Gedanken zustimmen. Denn in der Geschichte, zumindest so, wie sie erzählt wurde, brachte das Warten auf den Gehorsam anderer die Missionarsfamilie in schwere Zeiten.

Gott wollte sie versorgen, aber andere gehorchten nicht. Also mussten sie warten, bis endlich jemand mitmachte.


Das war einer meiner Hauptpunkte, aber es gab noch andere. Dazu später mehr.

In den Antworten wurde dann auf biblische Geschichten verwiesen, in denen Menschen ungehorsam waren oder ihren Auftrag zunächst nicht erfüllten. Der Gedanke dahinter war offenbar: Auch dort mussten andere warten, oder jemand anderes musste eine Aufgabe übernehmen.

Aber was belegt das eigentlich? Dass Menschen ungehorsam sind und ihr Verhalten Folgen hat? Das stand gar nicht zur Debatte. Die Frage war doch, ob Gott deshalb auf ihren Gehorsam angewiesen ist.

Nehmen wir Mose. Er sollte zum Felsen sprechen, schlug aber darauf. Trotzdem kam Wasser hervor. Das Volk und seine Tiere bekamen zu trinken. Mose und Aaron wurden für ihr Verhalten zur Verantwortung gezogen, aber Gott hielt die Versorgung nicht zurück, bis jemand den Auftrag richtig ausführte. Genau darin liegt für mich ein entscheidender Unterschied zur erzählten Geschichte.

Der Ungehorsam blieb nicht ohne Folgen. Aber er machte Gott nicht unfähig, das Volk zu versorgen.

Ein weiteres Beispiel wäre Jona, aber da muss man etwas genauer hinsehen. Ja, er lief zunächst vor seinem Auftrag davon. Aber die Erzählung berichtet nicht davon, dass die Menschen in Ninive deshalb in eine zusätzliche Not gerieten, während Gott auf einen gehorsamen Propheten warten musste. Die Ankündigung des Gerichts in vierzig Tagen erfolgte erst, als Jona in der Stadt predigte.

Damit will ich nicht behaupten, wir wüssten alles darüber, was während seiner Flucht in Ninive geschah. Aber „Ninive musste auf Jona warten“ ist noch kein Beleg für den Zusammenhang, den die Geschichte über die Missionarsfamilie herstellt.

Denn dort wurde die schmerzhafte Wartezeit ausdrücklich damit erklärt, dass andere Menschen nicht gehorcht hätten. Nicht nur: Menschen verweigerten ihre Hilfe. Sondern: Die Versorgung, die Gott der Familie zugedacht hatte, blieb deshalb aus.

Und genau hier muss man unterscheiden.

Wenn ich jemandem nicht helfe, obwohl ich helfen könnte, kann dieser Mensch darunter leiden. Das ist meine Verantwortung. Aber daraus folgt nicht, dass Gott ebenfalls auf meine Hilfe angewiesen ist.

Gott kann durch mich handeln. Das bedeutet nicht, dass er ohne mich nicht handeln kann. Paulus beschreibt den Schöpfer ausdrücklich als denjenigen, der selbst allen Leben, Atem und alles andere gibt, nicht als jemanden, der etwas von uns benötigt.

Deshalb reicht es nicht, auf irgendeine Geschichte über menschliches Versagen zu verweisen. Man muss fragen, ob sie tatsächlich zeigt, was damit begründet werden soll.

Mein Einwand richtet sich nicht gegen die Aufforderung zum Gehorsam. Er richtet sich gegen eine Erklärung, dass Gott von unserem Gehorsam abhängig ist.
 
Quelle: unbekannt


Das bringt mich zu einem Punkt, der mir persönlich fast noch wichtiger ist. Wenn ich ehrlich bin, störe ich mich an dem Wort „Stimme“. In der Erzählung hieß es, dass die Stimme, die ihnen das Auto gegeben hatte, es nun wieder abverlangte.

Nun leben wir in einer geistlichen Realität, in der viele Stimmen sprechen, und die Bibel fordert uns ausdrücklich auf, die Geister zu prüfen. Ich möchte hier gar nicht behaupten, dass es nicht Gott war, der die Familie um ein Opfer bat. Das weiß ich nicht. Aber die ganzen Umstände machen mich schon nachdenklich und führen mich zu Fragen, die ich bei solchen Geschichten immer wieder stelle.

Woher kommt eigentlich der Gedanke, dass wir, wenn wir etwas für Gott aufgeben, automatisch etwas Neues, Besseres oder einen Ersatz zurückbekommen? Widerspricht diese Erwartung nicht dem Wesen einer echten Opfergabe? Wenn ich etwas hingebe und davon ausgehe, dass Gott es mir wieder ersetzt, gebe ich es dann wirklich hin, oder tausche ich es gegen etwas ein, das ich von ihm erwarte?

Und warum wird der ausbleibende Ersatz dann zum Anlass, daran zu zweifeln, ob Gott gesprochen hat? Hatte Gott Ersatz zugesagt, oder war das die eigene Schlussfolgerung?
 
Photo by Leo Rivas on Unsplash

Ganz praktisch gefragt: Hätte es nicht auch gereicht, in diesem Fall das Auto einfach zu verleihen?

Und warum dieser riesige Umweg über mehrere Familien? Warum hilft Gott der bedürftigen Familie nicht einfach direkt? Meint man, es fehlt ihr der richtige Glaube oder der Draht nach oben? Natürlich kann er Menschen gebrauchen. Aber warum wird seine Versorgung in dieser Geschichte so dargestellt, als müsse sie diesen Umweg nehmen und sei dann auch noch an den Gehorsam Dritter gebunden?

Das klingt fast so, als bräuchte der Gott der Schöpfung uns als zwingende Partner, um seinen Willen auf Erden auszuführen. Und genau darin liegt für mich der Unterschied: Gott gebraucht Menschen. Aber ist er deshalb auf sie angewiesen?

Und damit komme ich noch einmal zu der „Stimme“ zurück. Wenn Gehorsam gegenüber einer Stimme erwartet wird, ohne dass man selbst am Wort prüft, wer da eigentlich spricht, kann daraus schnell Manipulation werden. Besonders dann, wenn Angst ins Spiel kommt: Wenn ich nicht gehorche, enttäusche ich Gott. Dann muss er sich jemand anderen suchen. Und bis dahin leiden womöglich noch andere Menschen wegen mir.

Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, ob ich helfen kann und soll. Plötzlich soll ich auch die Verantwortung dafür tragen, dass Gottes Versorgung für jemand anderen ausbleibt. Eine Geschichte, die zum Vertrauen ermutigen soll, erzeugt so Druck und Schuldgefühle.

Ich unterstelle dem Erzähler nicht, dass er das beabsichtigt. Aber genau deshalb müssen wir nicht nur auf die gute Absicht schauen, sondern auch darauf, was mit solchen Geschichten gelehrt wird.

Gehorsam gegenüber Gott ist wichtig. Aber nicht jede Stimme ist Gottes Stimme, und nicht jede Aufforderung zum Gehorsam ist deshalb schon biblisch. Gott gebraucht uns. Das macht uns verantwortlich für unser Handeln, aber nicht dafür, dass er ohne uns angeblich nicht weiterkommt.

In diesem Sinne: Taucht tief in Gottes Wort ein und prüft alles im Licht seiner Wahrheit.



Eure Lizzy



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