Samstag, 3. Oktober 2026
Dienstag, 29. September 2026
Die Archäologische Bibel (4): Die Tel-Dan-Stele
Das Haus Davids im Blick seiner Nachbarn
Manchmal findet man einen besonderen Stein, einen Stein, dessen Inschrift einen kleinen Einblick in vergangene Ereignisse gibt, ohne die ganze Geschichte zu erzählen. Die Tel-Dan-Stele ist so ein Fund. Sie berichtet von Kriegen und Siegen im 9. Jahrhundert vor Christus. Und mitten in ihrem Bericht taucht eine Formulierung auf, die auch für Leser der Bibel besonders interessant sein sollte: das „Haus Davids“.
Die Stele wurde 1993 bei Ausgrabungen in Tel Dan entdeckt, im Norden Israels, nahe dem Berg Hermon. Weitere Bruchstücke kamen später hinzu. Zusammengesetzt ergeben sie Teile einer aramäischen Inschrift. Der König, der darin spricht, rühmt sich seiner militärischen Erfolge. Die Inschrift wird gewöhnlich Hasaël zugeschrieben, dem König von Aram-Damaskus.
Die Stele wird, wie bereits erwähnt, ins 9. Jahrhundert vor Christus datiert. Viele Forscher verbinden sie mit Hasaël und setzen sie ungefähr um 840 v. Chr. an. Eine spätere Datierung, unter Hasaëls Sohn Bar-Hadad, wird ebenfalls diskutiert. So oder so liegt die Inschrift nur wenige Generationen nach der Zeit, in der David gewöhnlich angesetzt wird. Sie zeigt, dass die Bezeichnung „Haus Davids“ bereits früh als Name einer Königslinie bekannt war.
Ein bemerkenswerter Name
„Haus Davids“ meint hier nicht ein Gebäude. Gemeint ist eine Königslinie, die mit David verbunden wurde. Das ist wichtig, denn die Inschrift stammt nicht aus der Bibel. Ein aramäischer König bezeichnet Juda mit dem Namen einer Dynastie, die auf David zurückgeführt wird.Die Stele beweist natürlich nicht jedes Detail aus den Erzählungen über David. Sie sagt nichts über Goliath oder die Psalmen und beschreibt auch nicht Davids Leben. Doch sie zeigt, dass die Verbindung zwischen David und einer judäischen Königslinie im 9. Jahrhundert vor Christus bekannt war. Ein fremder König verwendete diese Bezeichnung in einem politischen Bericht über seine Gegner.
Das passt zu der biblischen Überlieferung, nach der David am Anfang der Königslinie von Juda stand. Die Stele ersetzt die biblischen Texte natürlich nicht. Aber sie gibt uns eine weitere Stimme aus der damaligen Welt und bestätigt, dass der Name Davids in der Geschichte der judäischen Könige eine erkennbare Bedeutung hatte.
Ein König feiert seinen Sieg
Die Tel-Dan-Stele war keine neutrale Chronik. Wie auch der Moabiter Stein diente sie dazu, die Macht des regierenden Königs zu verkünden. Auch König Hasaël wollte, dass alle von seinen Erfolgen erfuhren. Er stellte sich, wie damals üblich, als siegreichen König dar und führte seine Erfolge auf seinen Gott Hadad zurück. Die Stele zeigt also vor allem Hasaëls eigene Sicht auf die Ereignisse. Trotzdem hilft sie uns, die politische Welt jener Zeit besser zu verstehen.Könige ließen ihre Siege in Stein schreiben, damit ihre Untertanen und Nachbarn von ihrer Macht erfuhren. Eine solche Inschrift erzählte aus dem Blickwinkel des Königs, der den Stein aufstellen ließ. Auch die Bibel berichtet von den Kämpfen zwischen Israel, Juda und Aram. Die Tel-Dan-Stele führt uns also in dieselbe politische Welt wie die biblischen Erzählungen. Sie zeigt, dass die Königreiche und Konflikte, von denen die Bibel spricht, in einem konkreten historischen Umfeld standen.
Joram und Ahasja
Bei einem Punkt unterscheiden sich die Berichte. Hasaël schreibt auf der Stele, er habe Joram, den König von Israel, und Ahasja, den König des „Hauses Davids“, getötet. In 2. Könige 9 wird erzählt, dass Jehu Joram erschoss. Ahasja floh nach der Begegnung mit Jehu und starb später an seinen Verletzungen. 2. Chronik 22 berichtet ebenfalls von diesem Machtwechsel und von Ahasjas Tod, erzählt die letzten Ereignisse aber anders: Ahasja wird dort gefangen genommen und zu Jehu gebracht.Beide biblischen Kapitel berichten also von demselben Aufstand Jehus und vom Ende Ahasjas. Der Chronist erzählt die Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel und richtet seine Aufmerksamkeit stärker auf den König von Juda und seine Verbindung zum Haus Ahab. Die Einzelheiten stimmen nicht vollständig überein. Die Tel-Dan-Stele allein kann uns nicht sagen, wie genau alles ablief. Hasaël könnte den Sieg für sich beansprucht haben, obwohl Jehu die Könige unmittelbar tötete. Das bleibt eine Möglichkeit, keine Gewissheit.
In 2. Könige geht es nicht nur um einen Wechsel auf dem Thron. Der Verfasser zeigt, wie Jehus Aufstieg mit Gottes Gericht über das Haus Ahab verbunden wird. Der Prophet kündigt an, dass Jehu gegen Ahabs Familie vorgehen soll. Die Geschichte wird aus einer theologischen Perspektive erzählt: Macht und politische Ereignisse stehen nicht außerhalb von Gottes Handeln.
Der Chronist setzt andere Akzente. Er richtet den Blick besonders auf die Könige von Juda und ihre Treue zu Gott. Deshalb erzählt er Ahasjas Ende anders und macht seine Verbindung zum Haus Ahab zum wichtigen Teil der Erzählung. Die biblischen Autoren berichten nicht nur, was Könige taten. Sie zeigen auch, was diese Ereignisse für Gottes Volk bedeuten.
Was der Stein bezeugt
Die Tel-Dan-Stele erzählt nicht die ganze Geschichte Davids. Aber sie bewahrt einen Namen, der im Zentrum der biblischen Königsgeschichte steht. Ein aramäischer König wollte seine Siege verewigen und erwähnte dabei das „Haus Davids“. Für uns ist das ein wichtiger Hinweis darauf, dass die davidische Königslinie bereits im 9. Jahrhundert vor Christus bekannt war.Hasaël wollte seinen Ruhm festhalten. Aus biblischer Sicht lässt sich darin noch etwas anderes sehen: Ein König kann seinen eigenen Plan verfolgen und dennoch nicht außerhalb von Gottes Herrschaft handeln. Sprüche 21,1 sagt: „Wie Wasserbäche ist das Herz des Königs in der Hand des HERRN; er lenkt es, wohin er will.“ Das heißt nicht, dass die Stele selbst diese Botschaft ausspricht. Aber im Licht dieses Verses können wir sie als unbeabsichtigtes Zeugnis dafür lesen, dass selbst die Macht eines fremden Königs Gottes Geschichte nicht auslöschen konnte.
Der Stein erzählt von Hasaëls Anspruch auf den Sieg. Und zugleich bewahrt er den Namen Davids.
Und genau das ist der Grund, warum Archäologie für mich so spannend ist: In einer Zeit, in der Gott und die Bibel von vielen verachtend beiseitegelegt werden, legt Gott Stück für Stück Spuren seiner Geschichte frei, damit alle sie sehen können.
In diesem Sinne: Sei auch du mutig in deinen Nachforschungen und freue dich über jede gefundene Wahrheit.
Eure Lizzy
Quellen:
The
Jewish Museum: Tel Dan Stele
Bible Odyssey: The Tel Dan Inscription
Biblical Archaeology Society: The Tel Dan Inscription
(Bildbearbeitung)
Samstag, 26. September 2026
Dienstag, 22. September 2026
Auf der Spur Jesu: Der Menschensohn
Der Titel „Menschensohn“ gehört zu den auffälligsten und zugleich am häufigsten missverstandenen Begriffen der Bibel. Wie so viele, auch mich einst eingeschlossen, verbinden diesen Titel direkt mit Jesus. Das ist nicht unbedingt falsch, aber wenn man dann im Alten Testament liest, kommen schnell Fragen, Zweifel und Missverständnisse auf, denn wir müssen zwischen Titel und Ausdruck unterscheiden.
Bei Jesus begegnet „der Menschensohn“ als besondere
Selbstbezeichnung. Im Alten Testament ist „Menschensohn“ dagegen zunächst kein
fester messianischer Titel und auch nicht automatisch eine Bezeichnung für eine
göttliche Person.
Gerade deshalb ist es wichtig, die verschiedenen
Verwendungen auseinanderzuhalten. Der Ausdruck „Menschensohn“ taucht schon so
früh wie in 4. Mose auf. Besonders in Hesekiel und Daniel 8 beschreibt er
jedoch einen sterblichen Menschen vor Gott. In Daniel 7 dagegen erscheint eine
besondere Gestalt „wie eines Menschen Sohn“, die ewige Herrschaft empfängt.
Erst anschließend stellt sich die Frage, ob diese Gestalt messianisch zu
verstehen ist und schließlich, wie wir Christen sie auf Jesus beziehen.
„Menschensohn“ bei Hesekiel
Am deutlichsten begegnet die gewöhnliche alttestamentliche
Bedeutung im Buch Hesekiel. Gleich zu Beginn seiner Berufung sagt Gott zu ihm:
„Und er sprach zu mir: Menschensohn, stelle dich auf deine
Füße, und ich will mit dir reden!“
Gott redet Hesekiel im Verlauf des Buches immer wieder als
„Menschensohn“ oder, je nach Übersetzung, als „Menschenkind“ an. Die zugrunde
liegende hebräische Wendung lautet ben-’adam (בֶּן־אָדָם) und bedeutet
wörtlich „Sohn des Menschen“ beziehungsweise „Sohn Adams“. Gemeint ist kein
besonderer Ehrentitel, sondern ein einfacher Mensch, ein sterblicher
Angehöriger der Menschheit. Die Wendung erscheint im Buch Hesekiel rund 93-mal
und prägt damit die gesamte prophetische Berufung und Botschaft des Propheten.
Im Gegensatz zu Jesus erhöht diese Anrede Hesekiel also
nicht zu einer übermenschlichen Gestalt, sondern erinnert Hesekiel und uns
vielmehr daran, dass er trotz seines außergewöhnlichen Auftrags ein Mensch
bleibt: sterblich, begrenzt und vollständig auf Gottes Wort, Geist und Auftrag
angewiesen.
Der Ausdruck erinnert uns daran, dass zwischen dem Schöpfer
und seinem Geschöpf ein grundlegender Unterschied besteht.
Hesekiel sieht Gottes Herrlichkeit, empfängt Gottes Wort und
wird als Prophet zu einem widerspenstigen Volk gesandt. Aber er ist nicht der
Ursprung dieser Offenbarung. Er spricht nicht aus eigener Vollmacht. Er ist der
menschliche Bote dessen, der ihn beruft.
Gerade in diesem Kontrast liegt die Kraft der Anrede: Gott
ist der allmächtige Herr, Hesekiel ist sein Geschöpf. Gott ist der Redende,
Hesekiel der Empfangende. Gott sendet, Hesekiel wird gesandt.
Daniel 8: Ein sterblicher Empfänger
Dieselbe Grundbedeutung findet sich auch bei Daniel. In
Daniel 8,17 tritt der Engel Gabriel an Daniel heran und spricht ihn als
„Menschensohn“ an:
„Merke auf, Menschensohn! Denn die Vision gilt für die Zeit
des Endes.“
Auch hier bezeichnet „Menschensohn“ nicht den Messias.
Daniel wird nicht als zukünftiger König, himmlische Gestalt oder göttlicher
Herrscher angesprochen. Er ist der menschliche Empfänger einer Offenbarung, die
aus der himmlischen Welt zu ihm kommt.
Daniel ist von dieser Vision vollkommen überwältigt. Es ist
keine Kleinigkeit, die er da sieht, und Gabriel muss ihm erst erklären, was das
alles zu bedeuten hat. Der Zusammenhang macht deutlich: Mit „Menschensohn“ ist
hier der begrenzte Mensch vor einem himmlischen Boten und vor Gottes großem
Handeln in der Geschichte gemeint.
Wer jedoch das ganze Buch Daniel von Anfang an gelesen hat,
wird von Kapitel 7 etwas überrascht und vielleicht auch etwas verwirrt sein,
denn hier scheint „Menschensohn“ plötzlich etwas ganz anderes zu bedeuten.
Schauen wir es uns also etwas genauer an.
Daniel 7: Eine andere Szene
Wenn wir Daniel 7 aufmerksam lesen, finden wir auch hier den
Begriff „Menschensohn“, jedoch in einem vollkommen neuen Zusammenhang. Daniel
wird hier nicht selbst als „Menschensohn“ angesprochen. Daniel sieht vielmehr
in einer Nachtvision:
„Und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie
eines Menschen Sohn und gelangte zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn
gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus
so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und
vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“
Diese Worte stehen im Rahmen einer Vision, in der vier
gewaltige Reiche als Tiere erscheinen. Die Tiere stehen für brutale,
gewalttätige und vergängliche Mächte und Reiche. Nach ihnen erscheint keine
weitere Bestie, sondern „einer wie eines Menschen Sohn“, also eine menschlich
erscheinende Gestalt.
Die Wendung lautet hier nicht Hebräisch ben-’adam (בֶּן־אָדָם), sondern
Aramäisch bar ’enāš (בר אנשׁ). Sie bedeutet zunächst ungefähr: „einer
wie ein Mensch“ oder „einer wie ein Menschensohn“. Die Gestalt wird nicht
einfach „der Menschensohn“ genannt; Daniel beschreibt, was er sieht.
Doch die Rolle dieser Gestalt ist außergewöhnlich:
- Sie
kommt mit den Wolken des Himmels.
- Sie
tritt vor den Hochbetagten, also vor Gott.
- Sie
erhält Herrschaft, Ehre und ein Königtum.
- Ihre
Herrschaft umfasst alle Völker, Nationen und Sprachen.
- Ihr
Reich ist unvergänglich und wird nicht zerstört.
Das kann also nicht mit der gewöhnlichen Verwendung von
„Menschensohn“ in Hesekiel oder Daniel 8 gleichgesetzt werden. Dort wird ein
sterblicher Prophet angesprochen. Hier erhält eine menschenähnliche Gestalt
eine ewige, universale Herrschaft.
Ist der Menschensohn messianisch?
Bevor wir uns diese Frage stellen, sollten wir kurz klären,
was „messianisch“ eigentlich bedeutet. Das Wort kommt von dem hebräischen
Wort Maschiach (מָשִׁיחַ),
also „der Gesalbte“. Im Griechischen lautet das Wort Christos (Χριστός).
Messianisch bedeutet hier deshalb nicht unbedingt, dass etwas mit Jesus zu tun
hat. Es geht zunächst um die Erwartung eines von Gott erwählten Königs, Retters
oder Herrschers. Christen glauben, dass Jesus dieser Messias ist.
Die Frage ist hier aber erst einmal: Kann die Gestalt in
Daniel 7 schon für sich genommen als messianisch verstanden werden?
Hier muss man sorgfältig unterscheiden. Daniel 7 ist
zweifellos eine endzeitliche Königsherrschaftsvision. Die Frage lautet jedoch:
Wen oder was stellt die menschliche Gestalt dar?
Verschiedene Deutungen
Eine verbreitete Deutung sieht die Gestalt als symbolische
Darstellung der „Heiligen des Höchsten“. Später im Kapitel wird gesagt, dass
die Heiligen das Reich empfangen werden. So wie die Tiere für Weltreiche
stehen, könnte die menschliche Gestalt für Gottes bedrängtes, aber schließlich
von Gott vindiziertes Volk stehen.
Andere verstehen die Gestalt als einen individuellen,
himmlischen Repräsentanten, etwa eine Engelgestalt, einen endzeitlichen König
oder den Messias. Diese Deutung nimmt besonders ernst, dass die Gestalt mit den
Wolken kommt und persönlich vor den Hochbetagten tritt, um Herrschaft zu
empfangen.
Deshalb wäre es zu einfach zu sagen: „Daniel 7 nennt
eindeutig und ausdrücklich den Messias.“ Der Text verwendet dort weder das Wort
„Messias“ noch erklärt er direkt: „Diese Gestalt ist der Messias.“
Aber ebenso wäre es zu einfach zu behaupten, die
messianische Deutung sei rein christlich oder erst nachträglich erfunden.
Daniel 7 wurde innerhalb jüdischer Auslegung unterschiedlich gelesen, und die
Bildsprache einer menschlichen, von Gott erhöhten endzeitlichen
Herrschaftsfigur konnte messianisch verstanden werden.
Die Frage bleibt also offen. Daniel 7 verwendet nicht
ausdrücklich das Wort „Messias“, beschreibt aber eine Gestalt, die von Gott
Herrschaft, Ehre und ein unvergängliches Reich erhält. Genau deshalb konnte
diese Vision in jüdischen Auslegungstraditionen messianisch verstanden werden,
auch wenn diese Deutung nicht die einzige Möglichkeit ist.
Daniel nennt die Gestalt nicht ausdrücklich den Messias und
erst recht nicht Jesus. Dennoch haben wir als Christen guten Grund zu glauben,
dass diese Worte auf Jesus hinweisen. Im Matthäusevangelium greift Jesus selbst
die Worte aus Daniel 7 auf, als er vor dem Hohen Rat gefragt wird, ob er der
Christus, also der Messias, der Sohn Gottes sei. Darauf werden wir gleich noch
genauer eingehen. Siehe Markus 14,61–62 und vgl. Matthäus 26,63–64.
Die christliche Anwendung auf Jesus
Erst an diesem Punkt beginnt die ausdrücklich christliche
Anwendung. Christen bekennen nicht, dass jeder Gebrauch von „Menschensohn“ im
Alten Testament Jesus meint. Hesekiel ist nicht Jesus. Daniel in Kapitel 8 ist
nicht Jesus. Auch die Formulierung in Daniel 7 wird nicht dadurch automatisch
christlich, dass Christen sie später auf Jesus beziehen.
Die christliche Überzeugung lautet vielmehr: Jesus greift
die Bildwelt von Daniel 7 auf und wendet sie auf sich selbst an.
Besonders deutlich wird dies, wie bereits erwähnt, im Verhör
Jesu vor dem Hohen Rat. Auf die Frage des Hohenpriesters, ob er der Messias
sei, antwortet Jesus im Markusevangelium:
„Jesus aber sprach: Ich bin es! Und ihr werdet den Sohn des
Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des
Himmels.“
Vielleicht fällt beim Lesen auf, dass Markus und Matthäus
die Antwort Jesu etwas unterschiedlich wiedergeben. Markus schreibt: „Ich bin
es“, während es bei Matthäus heißt: „Du sagst es.“ Das kann zunächst wie ein
Widerspruch wirken. Doch direkt danach sagen beide Evangelien dasselbe
Entscheidende: Jesus spricht vom Menschensohn, der zur Rechten der Macht sitzt
und mit den Wolken des Himmels kommt. Beide Berichte verbinden damit die Frage,
ob Jesus der Christus, also der Messias, sei, mit den Worten aus Daniel 7.
Jesus verbindet hier zwei wichtige Texte:
- Daniel
7,13: die Gestalt, die mit den Wolken des Himmels kommt.
- Psalm
110,1: der Herr, der zur Rechten Gottes sitzt.
Diese Verbindung ist kein Zufall. Sie stellt Jesus in den
Mittelpunkt der endzeitlichen Herrschaft, Erhöhung und Vollmacht. Markus 14,62
greift nach verbreiteter Auslegung bewusst Daniel 7 und Psalm 110 zusammen auf.
Für Christen ist Jesus daher der Menschensohn aus Daniel 7:
derjenige, der leidet, verworfen wird und sein Leben gibt, aber von Gott erhöht
wird und in Herrlichkeit herrscht.
Diese Anwendung ist christlich. Sie setzt den Glauben
voraus, dass Jesus der Messias ist und dass seine Worte, sein Tod, seine
Auferstehung und seine Erhöhung die Schriften erfüllen. Sie darf deshalb nicht
einfach in Daniel 7 hineingelesen werden, als hätte der Text die spätere
christliche Auslegung bereits vollständig ausformuliert.
Gleichzeitig ist die christliche Deutung nicht willkürlich.
Sie knüpft an die Sprache des Textes selbst an: an die Wolken des Himmels, die
Herrschaft vor dem Hochbetagten und das unvergängliche Reich.
Menschlichkeit und Göttlichkeit
Hier entsteht etwas theologisch sehr Bedeutendes.
Bei Hesekiel bezeichnet „Menschensohn“ klar den Menschen als
Geschöpf vor seinem Schöpfer. Der Ausdruck macht die Grenze sichtbar: Der
Prophet ist Mensch; Gott ist Gott.
Bei Jesus bejaht „der Menschensohn“ ebenfalls seine
wirkliche Menschlichkeit. Jesus hungert, wird müde, weint, leidet, wird
abgelehnt und stirbt. Der Titel bedeutet nicht, dass Jesus weniger Mensch war.
Er zeigt vielmehr, dass Jesus wirklich Mensch wurde und unser Leben teilte.
Doch in der christlichen Auslegung bleibt es nicht bei
dieser Seite. Jesus verbindet den Menschensohn auch mit Sündenvergebung, Leiden
für viele, Erhöhung zur Rechten Gottes und dem Kommen mit den Wolken des
Himmels. Der Ausdruck wird dadurch zum Teil des christlichen Bekenntnisses,
dass Jesus wahrhaft Mensch und zugleich wahrhaft Gott ist.
Was bei Hesekiel den Unterschied zwischen Gott und dem
Menschen sichtbar macht, wird im christlichen Bekenntnis zum Hinweis auf das
Geheimnis der Menschwerdung: Der, den Christen als wahrhaft Gott bekennen,
wurde wahrhaft Mensch.
Der Titel „Menschensohn“ bedeutet deshalb nicht einfach,
Jesus sei lediglich ein Mensch. Ebenso wenig ist er eine einfache Formel, die
seine Göttlichkeit ohne weiteren Zusammenhang beweist. Seine Tiefe liegt gerade
in der Verbindung von wirklicher menschlicher Niedrigkeit, dienendem Leiden,
von Gott verliehener Vollmacht und endzeitlicher Herrschaft.
Fazit
„Menschensohn“ ist in der Bibel nicht überall dasselbe.
In Hesekiel und Daniel 8 bezeichnet der Ausdruck einen
sterblichen Menschen, der Gottes Offenbarung empfängt. Er hält den
grundlegenden Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf fest.
In Daniel 7 erscheint dagegen „einer wie eines Menschen
Sohn“ als besondere Gestalt, die mit den Wolken des Himmels kommt und von Gott
ewige Herrschaft empfängt. Ob diese Figur ursprünglich kollektiv, himmlisch
oder messianisch gedacht ist, bleibt Gegenstand der Auslegung. Ihre Rolle ist
jedoch eindeutig außergewöhnlich: Sie steht für Gottes endgültige Herrschaft
über die Reiche dieser Welt.
In der christlichen Auslegung erkennen wir in Jesus die
Erfüllung dieser Vision. Wenn Jesus in Markus 14 vom Menschensohn spricht, der
zur Rechten der Macht sitzt und mit den Wolken kommt, verbindet er die Sprache
aus Daniel 7 mit Psalm 110. Christen sehen darin nicht die Behauptung, dass
jeder „Menschensohn“ im Alten Testament Jesus meine, sondern die Überzeugung,
dass Jesus die besondere, herrschaftliche Menschensohn-Gestalt aus Daniel 7 auf
sich bezieht.
Heute am Ende, aber noch nicht fertig
Für mich persönlich ist jedoch noch ein weiterer Punkt
wichtig: Jesus selbst verwendet die Bezeichnung „Menschensohn“ in den
Evangelien mehr als achtzigmal für sich. Das allein beantwortet nicht jede
Frage, aber es gibt uns Christen guten Grund, seine Worte im Licht von Daniel 7
zu lesen.
Es gibt noch weitere gute Gründe, warum Christen in Jesus
den Menschensohn erkennen. In zukünftigen Beiträgen möchte ich mich deshalb
unter anderem mit Jesus als dem Eckstein beschäftigen, mit dem von Menschen
verworfenen Stein, den Gott zum Eckstein gemacht hat. Auch die Frage, wie die
Bibel von Jesu göttlicher Herrschaft und seinen göttlichen Eigenschaften
spricht, möchte ich später noch einmal genauer betrachten.
Ich habe mit diesem Thema also noch lange nicht
abgeschlossen. Ich werde mich weiter in mein Bibelstudium hineinknien, fleißig
lesen und die verschiedenen Bibelstellen miteinander vergleichen. Mal sehen,
wohin mich Gottes Wort dabei noch führt. Vielleicht gehen wir diesen Weg ja
gemeinsam weiter.
In diesem Sinne: Taucht tief in Gottes Wort ein und prüft
alles im Licht seiner Wahrheit.
Eure Lizzy
Bibel Software:
https://www.accordancebible.com
Bilderquellen:
https://www.canva.com
(Bildbearbeitung)
(Bildersuche für Hintergründe)
Freitag, 18. September 2026
Nachtrag - Die Sache mit dem 5. Gebot: Wer entscheidet, welches Leben lebenswert ist?
Mein ursprünglicher Beitrag zum Thema befindet sich hier: Die Sache mit dem 5. Gebot: Wer entscheidet, welches Leben lebenswert ist?
Ein kurzer Nachtrag zu meinem vorhergehenden Beitrag.
Wieder bin ich auf einen weiteren Fall gestoßen, der mich nicht loslässt. In den Niederlanden hat erstmals ein schwer krankes Kind unter zwölf Jahren Sterbehilfe erhalten.
Ganz am Ende des Beitrags fast schon versteckt unter den Leseempfehlungen ein ganz wichtiger Absatz zum Ablschluss des Artikels...."Ob all die vorgeschriebenen Auflagen erfüllt worden sind, untersucht nun ein Ausschuss. Im Zuge der Überprüfung entscheidet sich, ob gegen die beiden Ärzte nicht doch Anklage wegen unrechtmäßiger Tötung erhoben wird."
Dienstag, 15. September 2026
Fundsachen #6 - Die Tücken der Übersetzung
Ein kleiner Buchstabe mit großer Bedeutung
Omi Faithful hört sich gerne Predigten an – auch auf Englisch, meist mit deutschen Untertiteln. Dabei ist ihr eine kleine Formulierung aufgefallen, die zeigt, wie entscheidend eine sorgfältige Übersetzung sein kann.
Im englischen Original hieß es:
I am yours, Lord.
In den deutschen Untertiteln stand jedoch:
Ich bin dein Herr.
Doch diese Übersetzung verändert die Aussage vollständig. Denn die entscheidende Frage lautet: Wer gehört eigentlich wem?
Im Original sagt ein Mensch zu Gott: „Ich bin dein, Herr.“ Das bedeutet: „Ich gehöre dir, Herr.“
Wahrscheinlich wurde beim Übersetzen das kleine s am Ende von yours übersehen. Aus yours – „dein“ im Sinn von „Ich gehöre dir“ – wurde offenbar gedanklich your Lord, also „dein Herr“.
your Lord = dein Herr
I am yours, Lord = Ich bin dein, Herr
Noch klarer: Ich gehöre dir, Herr
Ein einziges kleines s kann also die Bedeutung eines ganzen Satzes verändern. Deshalb lohnt es sich, Übersetzungen aufmerksam zu lesen und bei Unklarheiten auch einmal auf den Originaltext zu schauen.
In diesem Sinne: Sei mutig in deinen Nachforschungen – und freue dich über jede gefundene Wahrheit.
Eure Lizzy
Donnerstag, 10. September 2026
Fundsachen #5 Glauben vs Gehorsam











