Photo by Aaron Burden on Unsplash
Bei Kristin Logan wurde Eierstockkrebs im Stadium IV diagnostiziert. Nach Angaben ihres Mannes hieß es, es gebe keine Therapie mehr für sie – aber sie könne MAID in Anspruch nehmen. MAID bedeutet Medical Assistance in Dying und wird häufig mit „medizinische Hilfe beim Sterben“ übersetzt. Es ist die kanadische Regelung zur medizinischen Hilfe beim Sterben. Ihr Mann berichtet, dass sie ihren Onkologen nur per Teletermin sprach und ihre Chemotherapie-Überweisung verloren ging. Schließlich reiste Kristin, die amerikanische Staatsbürgerin ist, in die USA. Dort erhielt sie die notwendigen Behandlungen. Das ist inzwischen etwa zweieinhalb Jahre her: Sie lebt, macht wieder Sport und freut sich am Leben.Bevor ich weiterschreibe, möchte ich jedoch ehrlich bleiben: Ich kenne diesen Fall vor allem durch das persönliche Zeugnis von Kristin und ihrem Mann. Nicht jede Einzelheit lässt sich öffentlich unabhängig prüfen. Dennoch bleibt eine Frage: Was sagt es über ein System aus, wenn einem Menschen der Tod angeboten wird, während mögliche Behandlungen zu zeitaufwendig oder zu teuer erscheinen? Wie viel ist ein Leben heute wert? Bis heute, über zwei Jahre "extra" Lebenszeit, welch ein unermesslicher Wert. Hätte Kristin keine andere Möglichkeit gehabt, wäre ihr diese Zeit wahrscheinlich genommen worden. Und schon hier stellt sich die nächste Frage: Wie viele weitere Menschen wie Kristin Logan gibt es in Kanada? Berichte über vergleichbare Schicksale finden sich auch aus anderen Ländern.
Der Fall von Kristin Logan spielt in Kanada. Dort nennt man es MAID – Medical Assistance in Dying. Doch die Frage geht weit über Kanada hinaus. In anderen Ländern wird von Euthanasie oder assistiertem Suizid gesprochen. Die Namen ändern sich. Die Richtung der Debatte bleibt dieselbe. Zum Beispiel, Kanada setzt eine Grenze noch bei 18 Jahren. Psychische Erkrankungen allein sollen erst ab 2027 ein Grund für MAID werden können. Belgien ist bereits weiter: Dort kann unter bestimmten Bedingungen sogar ein Minderjähriger Euthanasie erhalten. Spanien beschränkt es zwar auf Erwachsene, doch auch dort kann der Staat unter festgelegten Voraussetzungen den Tod medizinisch ermöglichen.
Vielleicht klingt das für manche nach Sicherheit: Regeln, Formulare, Gutachten, Fristen, Ärzte und Kommissionen. Doch Gesetze können Grenzen nicht nur schützen. Gesetze können Grenzen auch verschieben. Was heute noch undenkbar erscheint, kann morgen als Ausnahme gelten, und übermorgen als normal. Genau deshalb darf die Frage nicht nur lauten: „Unter welchen Bedingungen darf ein Mensch sterben?“ Die Frage muss sein: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn sie anfängt, den Tod als Lösung anzubieten?
Photo by Aaron Burden on Unsplash
Genau hier liegt für mich das Echo der Geschichte. Geschichte wiederholt sich nicht immer mit denselben Symbolen, denselben Uniformen oder denselben Parolen. Aber sie kann ähnliche Denkweisen wiederholen. Der Nationalsozialismus wie auch kommunistische Diktaturen stellten den einzelnen Menschen unter die Macht des Staates und einer Ideologie. In beiden Fällen wurde der Wert und die Würde des Menschen nicht mehr als unantastbar gesehen. Er wurde daran gemessen, ob jemand stark oder schwach war, nützlich oder abhängig, produktiv oder eine Belastung, oder schlicht ethnisch unerwünscht.
Daraus wurde ein Denken, das Menschlichkeit, Krankheit, Behinderung und Hilfsbedürftigkeit nicht mehr zuerst als Anlass für Schutz sah, sondern als Problem, das verwaltet oder beseitigt werden sollte. Genau deshalb kann ich nicht einfach beruhigt sagen: „Das ist doch etwas völlig anderes.“ Die äußeren Formen scheinen anders. Aber die entscheidende Frage bleibt erschreckend ähnlich: Was geschieht, wenn eine Regierung oder ein System anfängt, darüber zu bestimmen, welches Leben noch als lebenswert gilt? Vielleicht beginnt es mit dem Wunsch, Leid zu beenden. Doch sobald der Tod als staatlich geregelte Antwort auf Krankheit, Abhängigkeit, Einsamkeit oder fehlende Versorgung angeboten wird, verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Der Schwache wird nicht mehr zuerst gefragt: „Wie können wir dir helfen zu leben?“ Sondern irgendwann: „Warum willst du überhaupt noch leben?“
Ein Mensch verliert seinen Wert nicht, weil er krank ist. Nicht, weil seine Behandlung teuer ist. Nicht, weil er Pflege braucht. Nicht, weil er schwach, alt oder abhängig geworden ist. Sein Wert hängt nicht an Leistung, Nutzen oder Selbstständigkeit. Der Mensch verliert seinen „Wert“ erst dann, wenn ein Staat oder eine Regierung sich anmaßt, über den Wert und die Würde eines menschlichen Lebens entscheiden zu dürfen.
Als Christ sehe ich Menschen zuerst als Ebenbild Gottes und nicht als Patienten, Kostenfaktor, Belastung oder Diagnose. Ich sehe sie als Geschöpfe Gottes. Gott hat das Leben geschaffen. Und weil er es geschaffen hat, liegt der Wert eines Menschen nicht in seiner Gesundheit, seiner Kraft oder in dem, was er noch leisten kann, sondern in der Tatsache, dass es ihn gibt.
Jeder Mensch ist von Gott gewollt und geschaffen. Nicht nur der gesunde Mensch. Nicht nur der starke Mensch. Auch der Mensch, der krank ist, Schmerzen hat, Hilfe braucht oder vielleicht selbst keinen Sinn mehr sieht. Gott sagt zu Jeremia: „Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt.“ Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch dieselbe Aufgabe wie Jeremia hat. Aber es zeigt etwas über Gottes Blick auf menschliches Leben. Der Mensch beginnt nicht erst dann Bedeutung zu haben, wenn er gesund, bewusst, unabhängig oder nützlich ist. Gott kennt ihn. Gott sieht ihn. Gott hat ihn gewollt.
Das bedeutet auch nicht, dass Leiden leicht ist. Es ist nicht leicht. Manche Schmerzen sind kaum auszuhalten, und Christen sollten nie so tun, als wäre Leid einfach nur eine Prüfung, über die man schnell hinwegkommt. Wir sind deshalb auch nicht dazu berufen, Menschen mit ihren Schmerzen allein zu lassen. Wir sollen helfen, tragen, pflegen, trösten und alles daransetzen, Leid zu lindern. Aber Leid macht ein Leben nicht wertlos. Gerade im Leid können Liebe, Treue, Versöhnung, Glauben und Nähe sichtbar werden. Und auch wenn wir nicht jedes Leid verstehen, dürfen wir glauben, dass Gott den leidenden Menschen nicht verlassen hat.
Der christliche Weg kann deshalb nicht sein, dem Schwachen den Tod als Antwort anzubieten. Er muss sein, bei ihm zu bleiben und zu fragen: „Wie können wir dir helfen? Wie können wir deine Schmerzen lindern? Wie können wir dich tragen, damit du nicht allein bist?“ Denn der Wert eines Menschen kommt nicht vom Staat. Er kommt nicht vom Arzt. Er kommt nicht von seiner Familie, seiner Leistung oder seinem Zustand. Der Wert eines Menschen liegt darin, dass er von Gott geschaffen ist und von ihm gekannt wird.
In diesem sehr nachdenklichem Sinne,
Lizzy
















