Wenn der Heilige Geist zum Werkzeug wird
Ich schreibe diesen Beitrag bewusst über den Heiligen Geist. Über Ihn – nicht über eine Kraft, nicht über eine Energie, nicht über ein geistliches Prinzip, das man aktiviert. Gerade im Denken der Neuen Apostolischen Reformation zeigt sich, wie tiefgreifend sich das Verständnis vom Heiligen Geist verschoben hat. Er wird zunehmend nicht mehr als Person verstanden, sondern funktional gedacht: als Aktivator, als geistliche Ressource, als etwas, das man einsetzen, lenken oder freisetzen könne.
Diese Verschiebung ist kein Randphänomen. Sie berührt das Gottesbild selbst und prägt Lehre, Praxis und geistliche Sprache. An der Frage, wer der Heilige Geist ist, entscheidet sich, ob christliche Theologie trinitarisch bleibt – oder funktional wird.
Der konkrete Anlass, diesem Denkmodell nachzugehen, ist die Lektüre von C. Peter Wagners Buch Dominion! (auch erschienen unter dem Titel On Earth as It Is in Heaven). Wagner ist hier nicht der Maßstab, sondern eine Quelle, weil er die Neue Apostolische Reformation nicht nur benannt, sondern ihr Denken systematisch beschrieben und geprägt hat. Seine Aussagen helfen dabei zu verstehen, wie innerhalb dieser Bewegung argumentiert wird – gerade dort, wo es um den Heiligen Geist geht.
Im Denken der Neuen Apostolischen Reformation wird der Heilige Geist häufig funktionalisiert: als Machtquelle, als Aktivator, als geistliche Energie, die man freisetzt, lenkt oder strategisch einsetzt. Oft fällt schon sprachlich auf, dass vom „Holy Spirit“ gesprochen wird – ohne Artikel, ohne Bestimmung. Das ist kein Zufall.
Denn es gibt viele Geister. Auch solche, die sich „heilig“ nennen. Aber das Wort Gottes kennt nur den Heiligen Geist. So wie Jesus nicht eine Wahrheit ist, sondern die Wahrheit, so ist der Heilige Geist nicht irgendein Geist, sondern die dritte Person der Trinität, gleich an Wesen, Macht und Herrlichkeit mit dem Vater und dem Sohn.
Genau hier liegt das Problem.
1. Der Heilige Geist ist eine Person – keine Kraft
Die Bibel spricht vom Heiligen Geist nicht als unpersönlicher Energie, sondern als Person:
Er lehrt und erinnert (Joh 14,26)
Der Heilige Geist übernimmt hier eine zutiefst personale Aufgabe. Lehren setzt Beziehung voraus, Erinnern ein gemeinsames Gehen.
Er spricht und sendet (Apg 13,2)
In Antiochia spricht der Heilige Geist bewusst, unterscheidbar und zielgerichtet. Er beruft, er sendet, er entscheidet. Das ist kein diffuses Wirken, sondern göttliche Initiative. Hier handelt kein Prinzip, sondern ein souveräner Wille.
Er kann betrübt werden (Eph 4,30)
Betrübnis ist eine zutiefst relationale Kategorie. Nur wer liebt, kann verletzt werden. Dass der Heilige Geist betrübt werden kann, zeigt, dass er nicht Mittel zum Zweck ist, sondern Persönlichkeit – und dass unser Umgang mit ihm moralische Bedeutung hat.
Er tritt ein für die Heiligen (Röm 8,26)
Der Heilige Geist kennt unsere Schwachheit und vertritt uns vor Gott. Er übersetzt unser Stammeln in Fürbitte. Das ist kein mechanischer Vorgang, sondern persönliches, mitleidendes Handeln.
Einer Person begegnet man in Beziehung, nicht in Verfügung.
Wer den Heiligen Geist als manipulierbar oder lenkbar denkt – als wäre er steuerbar –, verschiebt unweigerlich das Verhältnis: vom Empfangenden zum Akteur, vom Hörenden zum Strategen. An diesem Punkt wird Theologie funktional – und genau das ist typisch für das Denken der NAR (Neu Apostolische Reformation).
C. Peter Wagner schreibt in Dominion! (S. 97 sinngemäß):
Die Kraft des Heiligen Geistes war zwar seit der Geburt der Kirche verfügbar, sei aber nach den ersten zwei bis drei Jahrhunderten weitgehend in den Hintergrund getreten und praktisch wirkungslos geworden und erst jetzt, in jüngerer Zeit wieder wirksam geworden.
Er räumt zwar einzelne historische Gestalten ein – Patrick von Irland, Bonifatius, Savonarola – behauptet aber, ihr Wirken habe das Gefüge der Kirche als Ganzes nicht geprägt.
Das wirft zwangsläufig Fragen auf:
- Wo ist der biblische Beleg dafür?
- Wo lehrt die Bibel, dass der Heilige Geist sich für 1600–1700 Jahre weitgehend zurückgezogen hat?
- Wo sagt Jesus, dass seine Verheißung „Ich bin bei euch alle Tage“ zeitlich begrenzt sei?
Die Konsequenz dieser These ist gravierend: Sie impliziert, dass Gott seine Kirche über viele Jahrhunderte hinweg praktisch ohne die wirksame Gegenwart seines Geistes gelassen habe.
Das ist kein kleiner theologischer Nebengedanke. Das stellt die Treue Gottes selbst infrage.
Denn wenn der Geist Gottes über Jahrhunderte hinweg angeblich nur randständig oder episodisch gewirkt haben soll, dann wäre Pfingsten kein Beginn einer bleibenden Realität gewesen, sondern ein kurzfristiger Höhepunkt. Die Bibel kennt jedoch keinen solchen Rückzug des Geistes. Im Gegenteil: Die Verheißung der bleibenden Gegenwart Gottes ist nicht an Zeiten geistlicher Hochleistung gebunden, sondern an Gottes eigenen Charakter.
An dieser Stelle wird für mich auch eine aktuelle Tendenz sichtbar, die zumindest nachdenklich machen sollte. In der englischsprachigen Lobpreismusik ist kürzlich ein Lied erschienen – Send the Fire (Jesus Culture) – in dem ausdrücklich um ein „zweites Pfingsten“ gebeten wird. Ich verstehe, was ausgedrückt werden soll: Sehnsucht nach Erneuerung, nach lebendigem Glauben, nach Gottes Wirken. Diese Sehnsucht ist nicht falsch.
Aber Worte haben Bedeutung.
Nach einem weiteren Pfingsten zu fragen, impliziert unweigerlich, dass das erste nicht ausreichend gewesen sei. War der Heilige Geist nicht genug? Hat Gott sich in Pfingsten nur teilweise gegeben? Diese Sprache erinnert mich stark an die Situation, in der die Pharisäer Jesus immer wieder nach neuen Zeichen und Wundern fragten – obwohl sie bereits vor Augen hatten, wer vor ihnen stand.
Warum ist das, was Christus bereits getan hat, nicht genug? Er hat sein Leben gegeben. Er ist auferstanden. Er hat uns mit dem Vater versöhnt – und er hat uns darüber hinaus den Heiligen Geist geschenkt: den Tröster, den Beistand, den, der bleibt.
Ich halte es für bedenklich, den Heiligen Geist so zu behandeln, als müsse er immer wieder neu herabgerufen, neu aktiviert oder neu entfacht werden. Eine solche Sprache setzt voraus, dass seine Gegenwart episodisch wäre. Doch das Wort Gottes lehrt anders. Der Heilige Geist lebt im Gläubigen und bleibt. Wir wurden mit ihm versiegelt, als wir zum Glauben kamen (Eph 1,13; 4,30). Seine Gegenwart ist keine vorübergehende Erfahrung, sondern Gottes bleibende Zusage an die, die in Christus sind.
So wie ich das sehe, braucht der Autor diese Annahme als Grundlage, um all die nachfolgenden neuen Ideen einzuführen. Unter dem Leitgedanken „Seht, Gott macht etwas Neues“ wird Erwartung erzeugt, Begeisterung geweckt – und zugleich Raum geschaffen für neue Offenbarungen, neue Lehren und vor allem neue Erlebnisse.
Diese Erlebnisse stehen oft im Zentrum: intensive Emotionen, euphorische Freude, das Gefühl neuer geistlicher Befähigung. Das Problem ist nicht, dass Gott erfahrbar wäre – denn das ist er. Das Problem ist, dass diese Erfahrungen zunehmend vom biblischen Wort gelöst werden. Die Bibel wird nicht mehr Prüfmaßstab, sondern Begleitmusik. Nicht mehr Gottes Wort beurteilt das Erlebnis – sondern das Erlebnis interpretiert das Wort. An dieser Stelle verschiebt sich das Fundament leise, aber entscheidend.
3. Kirchengeschichte oder persönliche Offenbarung?
An dieser Stelle wird deutlich, dass Wagner weniger vom Wort Gottes her argumentiert, sondern von einer bestimmten Interpretation der Geschichte. Kirchengeschichte wird dabei nicht nüchtern beschrieben, sondern bewertet – und zwar nach dem Maßstab sichtbarer Macht, spektakulärer Manifestationen und gesellschaftlicher Durchschlagskraft.Er schreibt weiter, dass erst um 1900 herum – durch die Pfingstbewegung in Amerika und die African Independent Churches – die Kraft des Heiligen Geistes wieder "aktiviert" worden sei, nachdem diese Bewegungen lange gegen den Strom der traditionellen Christenheit hätten schwimmen müssen.
An dieser Stelle stellt sich erneut eine einfache, aber unbequeme Frage:
Seit wann ist die Macht Gottes abhängig vom Konsens der Kirche?
Hat Gott uns nicht bereits alles gegeben, was wir zum Leben und zur Gottseligkeit brauchen (2 Petr 1,3)?
Ist sein Wort nicht lebendig, wirksam und ausreichend – ohne dass es ergänzt oder gar neu interpretiert werden müsste?
Wenn diese Sichtweise nicht aus der Bibel stammt, woher dann?
Aus persönlicher Offenbarung? Aus innerer Eingebung? Aus Deutung von Geschichte?
Und wenn ja: Wer oder was offenbart hier eigentlich?
Die Bibel kennt persönliche Führung durch den Heiligen Geist. Aber sie kennt keine Offenbarung, die sich von dem löst, was Gott bereits gesagt hat. Der Heilige Geist widerspricht sich nicht selbst. Wo neue Lehren entstehen, die sich nur durch subjektive Eindrücke oder geschichtliche Neudeutungen rechtfertigen lassen, ist große Vorsicht geboten.
Unser Maßstab ist und bleibt immer das Wort Gottes.
4. Der Heilige Geist als Mittel zum Zweck
An dieser Stelle stellt sich unausweichlich die Frage: Welcher Geist – und wozu?
Denn in Wagners theologischer Argumentation nimmt die Vorstellung vom Wirken des Geistes eine zentrale Rolle ein – nicht nur als Ergebnis einer erneuten biblischen Auslegung, sondern auch als Voraussetzung, ohne die seine weitergehenden Ideen nicht tragfähig wären. Neue Offenbarungen bilden dabei die Grundlage für eine neue „christliche Gesellschaft".
An dieser Stelle wird auch die Nähe zum sogenannten 7-Berge-Mandat deutlich. Dort geht es nicht primär um Umkehr, Nachfolge und Gemeinde, sondern um gezielte kulturelle Einflussnahme. Der Heilige Geist erscheint in diesem Modell nicht mehr als der, der überführt, tröstet und heiligt, sondern wird in den Dienst eines Projekts gestellt.
Dieses Denken ist nicht auf Wagner oder die NAR beschränkt. Auch andere sogenannte christliche Strömungen greifen auf ähnliche Voraussetzungen zurück, wenn neue Offenbarungen zur Grundlage gesellschaftlicher oder geistlicher Programme gemacht werden.
Das ist kein biblisches Verwalten.
Denn biblisches Verwalten bedeutet, unter der Herrschaft Gottes treu mit dem umzugehen, was er anvertraut – niemals aber, Gott selbst einem menschlichen Ziel zu unterstellen. Hier jedoch wird Gott selbst, genauer: der Heilige Geist, dem angestrebten Ergebnis untergeordnet. Er wird eingesetzt, aktiviert und benutzt – nicht angebetet und verehrt. Das Evangelium rückt vom Zentrum weg, und an seine Stelle tritt ein Vorhaben, eine Agenda.
Der Heilige Geist, wie ihn das Wort Gottes bezeugt, ist Person – kein Zauberstab. Er offenbart Christus, nicht Konzepte. Er führt in die Wahrheit, nicht in Strategien. Er lässt sich weder planen noch lenken, noch zur Bestätigung menschlich vorgegebener Ziele einsetzen.
Wo die Realität des Heiligen Geistes so umgedeutet und verzerrt wird, dass sie eine neue Lehre oder „Realität" stützen soll, wird die göttliche Ordnung zerstört: Dann wird nicht mehr am Wort Gottes gemessen, was gelehrt und gelebt wird, sondern ein „neuer Geist" wird herangezogen, um bereits feststehende Ideen zu bestätigen.
Man kann das nur so benennen, wie es ist: ein geistliches Zweckdenken. Der Heilige Geist wird nicht mehr um seiner selbst willen erkannt und geehrt, sondern danach beurteilt, ob und wie sehr er ein bestimmtes Ziel voranbringt.
Aus diesem Zweckdenken heraus entwickeln sich folgerichtig auch Konzepte sogenannter geistlicher „Kriegsführung". Wo geistliche Wirklichkeit primär unter dem Aspekt von Durchsetzung, Einfluss und Zielerreichung verstanden wird, liegt es nahe, Glauben in Kategorien von Strategie, Kampf und Kontrolle zu denken.
Darauf werde ich in einem weiteren Beitrag näher eingehen.
Damit bleibt die Frage bewusst offen: Welcher Geist – und wozu?
Geht es um Gottes Wirken – oder um menschliches Wunschdenken, das geistlich begründet wird?
Schlussgedanke: Der Heilige Geist – einzigartig, unverändert und treu
Dieser Beitrag ist kein historischer Streit und kein persönlicher Angriff. Er stellt eine einfache, aber grundlegende Frage: Wie reden wir vom Heiligen Geist – und was sagt das über unser Gottesbild aus?
Der Heilige Geist ist kein Werkzeug, das Gott uns gibt, damit wir damit werkeln. Wenn die Bibel vom Heiligen Geist als Gabe spricht, dann im Sinn göttlicher Selbstmitteilung: Gott gibt kein Werkzeug, das wir benutzen könnten – er gibt sich selbst. Der Heilige Geist ist Teil der Dreieinigkeit, wesensgleich mit dem Vater und dem Sohn. Er bleibt nicht wegen unseres geistlichen Erfolgs oder unserer Treue, sondern weil Gott sich selbst treu bleibt und sich nicht widerspricht. Das ist die Zusage von Pfingsten.
Daraus folgt die Pflicht zur Prüfung am Wort Gottes. Nicht jede Berufung auf den Heiligen Geist ist automatisch von Gott. Nicht jede Erfahrung ist Offenbarung. Und nicht jedes „Neue" stammt von Gott.
Unser himmlischer Vater hat uns alles gegeben, was wir brauchen. Er hat gesprochen, gehandelt und zugesagt – in seinem Wort, in seinem Sohn und durch seinen Geist. Darum braucht das Evangelium keine Ergänzung.
Das genügt.
In diesem Sinne: Taucht tief in Gottes Wort ein und prüft alles im Licht Seiner Wahrheit.
Eure Lizzy
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