Einer meiner Gesprächspartner befindet sich noch auf der Suche nach der Wahrheit und würde sich selbst wohl eher als Theist bezeichnen. Ein Theist ist jemand, der zwar an einen Gott glaubt, aber noch nicht sicher ist, wer dieser Gott eigentlich ist. Praktisch alle Religionen behaupten schließlich, den wahren Gott zu kennen, und ein Theist ist sich noch nicht sicher, welche von ihnen recht hat.
Ich erzählte also, dass ich Christin bin und Jesus als meinen Heiland angenommen habe.
Daraufhin bekam ich eine unerwartete und interessante Antwort: „Ich habe die Bibel gelesen, aber nirgendwo behauptet Jesus, dass er Gott ist.“
Meine Gegenfrage war ganz schlicht: „Sind Sie sich da ganz sicher?“
Unser folgendes Gespräch war ziemlich interessant. Ich kann es hier natürlich nicht vollständig wiedergeben, denn auch andere aus unserer Gruppe hatten ihre Meinungen dazu. Was mich überraschte, war, wie schnell nicht nur mein Gesprächspartner, sondern auch der eine oder andere Christ plötzlich recht unsicher wirkte. Dabei ist die Frage gar nicht so nebensächlich. Wenn Jesus nicht Gott ist, dann wäre er vielleicht nur ein Prophet, Lehrer oder besonders guter Mensch. Wenn er aber wirklich Gott ist, dann verändert das alles.
Paulus nimmt jedenfalls kein Blatt vor den Mund. Er schreibt: „Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kolosser 2,9). Das ist schon eine Aussage, die man nicht einfach so wegwischen kann.
Die Wahrheit ist: Jesus hat nicht einfach in genau diesen modernen Worten gesagt: „Ich bin Gott.“ Aber er hat auf viele verschiedene Arten deutlich gemacht, wer er ist. Was für uns heute vielleicht subtil wirkt, war für viele Menschen damals in ihrem jüdischen und biblischen Umfeld alles andere als unauffällig.
Dieses Gespräch hat mich eine Weile verfolgt, und ich dachte: Warum nicht einmal eine kleine Einführung in dieses wirklich spannende Thema schreiben?
Die folgenden Beispiele sind bei Weitem nicht alle. Sie sollen eher wieder eine kleine Spurensuche im Wort Gottes sein, vielleicht als Anregung für ein eigenes tieferes Bibelstudium. Und wer weiß: Vielleicht hilft es auch euch beim nächsten Gespräch, wenn wieder einmal jemand sagt: „Jesus hat doch nie behauptet, Gott zu sein.“
Denn die entscheidende Frage lautet ja nicht nur: Was sagt Jesus über sich selbst? Sondern auch: Was sagt Gott im Alten Testament über sich selbst, und welche Dinge tut oder beansprucht Jesus später?
Natürlich muss man beim Bibellesen immer auf den Zusammenhang achten. Aber manchmal sind die Parallelen wirklich so deutlich, dass man zumindest nicht einfach behaupten kann, Jesus habe nie einen Anspruch erhoben, der über den eines Propheten oder Lehrers hinausgeht.
Ehe Abraham wurde, bin ich
Fangen wir direkt mit einer Aussage an, die es wirklich in sich hat. In Johannes 8 spricht Jesus mit Menschen, die ihm nicht glauben wollen. Sie fragen ihn schließlich: „Bist du etwa größer als unser Vater Abraham?“Jesus antwortet: „Ehe Abraham wurde, bin ich“ (Johannes 8,58).
Das klingt für uns heute vielleicht erst einmal etwas seltsam. Abraham lebte schließlich viele Jahrhunderte vor Jesu Geburt in Bethlehem. Jesus sagt also nicht einfach: „Ich war schon vor Abraham da.“ Er sagt auch nicht: „Bevor Abraham war, war ich.“ Sondern: „Ehe Abraham wurde, bin ich.“
Warum ist das wichtig? Im Alten Testament begegnet Mose Gott am brennenden Dornbusch. Als Mose Gott nach seinem Namen fragt, antwortet Gott: „Ich bin, der ich bin“ (2. Mose 3,14).
Gott offenbart sich damit als der ewig Seiende, der nicht wird, sondern ist. Er steht über der Schöpfung, unabhängig von Zeit und Menschen.
Jesus verwendet in Johannes 8 eine Formulierung, die stark an diese Selbstoffenbarung Gottes erinnert. Dabei sollte man natürlich nicht behaupten, jedes „Ich bin“ sei automatisch ein Gottesname. Die Formulierung in 2. Mose 3,14 ist im Griechischen ausführlicher.
Aber der Zusammenhang ist auffällig: Jesus spricht von einer Existenz vor Abraham und verwendet dabei nicht einfach eine Vergangenheitsform. Er sagt „bin ich“ im Präsens, nicht „war ich“.
Die Reaktion seiner Zuhörer ist ebenfalls bemerkenswert. Direkt danach heben sie Steine auf, um ihn zu töten (Johannes 8,59). Sie verstanden seine Worte offenbar nicht als harmlose Bemerkung darüber, dass Jesus irgendwie älter als Abraham sei.
Für sie war es eine ungeheuerliche Aussage, ein Anspruch, den sie als Gotteslästerung auffassten.
Jesus hat hier nicht direkt gesagt: „Ich bin Gott.“ Aber er hat etwas gesagt, das nur Gott sagen kann. Und seine Zuhörer haben genau das verstanden.
Nur Gott kann Sünden vergeben
Fangen wir mit einem besonders deutlichen Beispiel an. Im Alten Testament sagt Gott in Jesaja 43,25: „Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.“Sündenvergebung ist also nicht einfach eine nette Geste. Sünde richtet sich letztlich gegen Gott, und deshalb kann nur Gott sie wirklich vergeben.
Als Jesus einem Gelähmten sagte: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“, waren die Schriftgelehrten deshalb schockiert. Sie fragten: „Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?“ Jesus korrigiert sie an dieser Stelle nicht und sagt auch nicht: „Nein, nein, ich meinte natürlich nur, dass Gott euch vergibt.“ Stattdessen bestätigt er seine Vollmacht, indem er den Gelähmten heilt. (Markus 2,1-12)
Jesus stillt den Sturm
Im Alten Testament wird immer wieder deutlich: Nur Gott hat
Gewalt über Meer und Sturm. In Psalm 107 heißt es über Menschen, die auf dem
Meer fuhren und in Not gerieten:
„Da schrien sie zum Herrn in ihrer Not, und er führte sie
heraus aus ihren Stürmen. Er stillte den Sturm, und die Wellen schwiegen“
(Psalm 107,28–29).
Dann lesen wir in Markus 4, dass Jesus mit seinen Jüngern
auf dem See ist. Ein gewaltiger Sturm kommt auf, und die Jünger haben Angst.
Jesus steht auf, bedroht den Wind und sagt zum Meer:
„Schweig! Verstumme!“ Und der Wind legt sich, und es wird ganz still (Markus
4,37–39).
Die Jünger fragen sich daraufhin: „Wer ist der, dass ihm
sogar Wind und Meer gehorchen?“
Das ist eine berechtigte Frage. Denn sie erkennen: Hier wirkt eine Macht, die nach dem Zeugnis des Alten Testaments Gott allein zusteht. Jesus tut, was nur Gott tun kann.
„Ich und der Vater sind eins“
Jesus sagt in Johannes 10,30: „Ich und der Vater sind eins.“
Auch diese radikale Aussage steht nicht einfach so im Raum. Die
Menschen, die Jesus hörten, verstanden diese als weit mehr als: „Wir haben
dieselbe Meinung“ oder „Wir arbeiten gut zusammen.“ Denn kurz darauf wollten sie ihn
steinigen.
Sie erklärten auch warum: „Nicht wegen eines guten Werkes
steinigen wir dich, sondern wegen Gotteslästerung, weil du, der du ein Mensch
bist, dich selbst zu Gott machst“ (Johannes 10,33).
Jesus hat hier also nicht nur erklärt, dass er Gott besonders nahe sei. Seine Zuhörer verstanden seine Aussage als einen Anspruch, der für einen bloßen Menschen Gotteslästerung gewesen wäre.
Eine Einladung zum selbst weiter lesen und suchen
Diese Beispiele sind bei Weitem nicht alles. Wenn du selbst
tiefer graben möchtest, achte beim Lesen der Bibel einmal auf folgendes Muster:
- Gott
allein kann Sünden vergeben. - Jesus vergibt Sünden.
- Gott
allein ist der Richter der Welt. - Jesus spricht Gericht.
- Gott
allein kann Tote auferwecken. - Jesus erweckt Tote.
- Gott
allein ist der Schöpfer. - Durch Jesus ist alles geschaffen.
- Gott
allein ist der Hirte Israels. - Jesus ist der gute Hirte.
- Gott
allein ist das Licht der Welt. - Jesus ist das Licht der Welt.
- Gott
allein ist „Ich bin“. - Jesus sagt: „Ich bin.“
Und noch ein kleiner Vorschlag zum eigenen Studium:
Vergleiche Jesaja 40 bis 55. Dort offenbart Gott sich als
der einzige Gott, als Schöpfer und als Retter. Lies anschließend das
Johannesevangelium mit diesen Aussagen im Hinterkopf. Achte darauf, welche
Eigenschaften und Titel Gott sich dort gibt und was Jesus über sich selbst
sagt.
Oder nimm dir die „Ich bin“-Worte Jesu im Johannesevangelium
vor:
- „Ich
bin das Brot des Lebens.“
- „Ich
bin das Licht der Welt.“
- „Ich
bin die Tür.“
- „Ich
bin der gute Hirte.“
- „Ich
bin die Auferstehung und das Leben.“
- „Ich
bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“
- „Ich
bin der Weinstock.“
Was bedeutet es, wenn Jesus diese Bilder verwendet, die im Alten Testament oft mit Gott verbunden sind?
Die Herausforderung
Natürlich kann man all diese Stellen lesen und trotzdem sagen: „Ich weiß nicht, ob mich das überzeugt.“ Das ist ehrlich. Glaube entsteht nicht dadurch, dass man möglichst viele Bibelverse abhakt oder in einer Diskussion die besseren Argumente hat.Aber Jesus lässt sich auch nicht so leicht auf die Rolle eines guten Lehrers reduzieren. Ein guter Lehrer zeigt auf Gott. Jesus ruft Menschen zu sich. Er vergibt Sünden, spricht von ewigem Leben, stillt den Sturm, nimmt Titel und Bilder auf, die im Alten Testament Gott selbst gehören, und sagt: „Ich und der Vater sind eins.“
Dann geht es nicht mehr nur um eine interessante theologische Frage.
Jesus sagte von sich selbst:
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. “
(Johannes 14,6)
Nun: Ist er das – oder nicht?
In diesem Sinne: Taucht tief in Gottes Wort ein und prüft alles im Licht seiner Wahrheit.
Eure Lizzy
(Bildbearbeitung)





