Dienstag, 22. September 2026

Auf der Spur Jesu: Der Menschensohn

Der Titel „Menschensohn“ gehört zu den auffälligsten und zugleich am häufigsten missverstandenen Begriffen der Bibel. Wie so viele, mich einst eingeschlossen, verbinden diesen Titel ausschließlich mit Jesus. Das ist nicht unbedingt falsch, aber wenn man dann im Alten Testament liest, kommen schnell Fragen, Zweifel und Missverständnisse auf, denn wir müssen zwischen Titel und Ausdruck unterscheiden.

Bei Jesus begegnet „der Menschensohn“ als besondere Selbstbezeichnung. Im Alten Testament ist „Menschensohn“ dagegen zunächst kein fester messianischer Titel und auch nicht automatisch eine Bezeichnung für eine göttliche Person.

Gerade deshalb ist es wichtig, die verschiedenen Verwendungen auseinanderzuhalten. Der Ausdruck „Menschensohn“ taucht schon so früh wie in 4. Mose auf. Besonders in Hesekiel und Daniel 8 beschreibt er jedoch einen sterblichen Menschen vor Gott. In Daniel 7 dagegen erscheint eine besondere Gestalt „wie eines Menschen Sohn“, die ewige Herrschaft empfängt. Erst anschließend stellt sich die Frage, ob diese Gestalt messianisch zu verstehen ist und schließlich, wie wir Christen sie auf Jesus beziehen.

„Menschensohn“ bei Hesekiel

Am deutlichsten begegnet die gewöhnliche alttestamentliche Bedeutung im Buch Hesekiel. Gleich zu Beginn seiner Berufung sagt Gott zu ihm:

„Und er sprach zu mir: Menschensohn, stelle dich auf deine Füße, und ich will mit dir reden!“

Hesekiel 2,1

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Gott redet Hesekiel im Verlauf des Buches immer wieder als „Menschensohn“ oder, je nach Übersetzung, als „Menschenkind“ an. Die zugrunde liegende hebräische Wendung lautet ben-’adam (בֶּן־אָדָם) und bedeutet wörtlich „Sohn des Menschen“ beziehungsweise „Sohn Adams“. Gemeint ist kein besonderer Ehrentitel, sondern ein einfacher Mensch, ein sterblicher Angehöriger der Menschheit. Die Wendung erscheint im Buch Hesekiel rund 93-mal und prägt damit die gesamte prophetische Berufung und Botschaft des Propheten.

Im Gegensatz zu Jesus erhöht diese Anrede Hesekiel also nicht zu einer übermenschlichen Gestalt, sondern erinnert Hesekiel und uns vielmehr daran, dass er trotz seines außergewöhnlichen Auftrags ein Mensch bleibt: sterblich, begrenzt und vollständig auf Gottes Wort, Geist und Auftrag angewiesen.

Der Ausdruck erinnert uns daran, dass zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf ein grundlegender Unterschied besteht.

Hesekiel sieht Gottes Herrlichkeit, empfängt Gottes Wort und wird als Prophet zu einem widerspenstigen Volk gesandt. Aber er ist nicht der Ursprung dieser Offenbarung. Er spricht nicht aus eigener Vollmacht. Er ist der menschliche Bote dessen, der ihn beruft.

Gerade in diesem Kontrast liegt die Kraft der Anrede: Gott ist der allmächtige Herr, Hesekiel ist sein Geschöpf. Gott ist der Redende, Hesekiel der Empfangende. Gott sendet, Hesekiel wird gesandt.

Daniel 8: Ein sterblicher Empfänger

Dieselbe Grundbedeutung findet sich auch bei Daniel. In Daniel 8,17 tritt der Engel Gabriel an Daniel heran und spricht ihn als „Menschensohn“ an:

„Merke auf, Menschensohn! Denn die Vision gilt für die Zeit des Endes.“

Daniel 8,17

Auch hier bezeichnet „Menschensohn“ nicht den Messias. Daniel wird nicht als zukünftiger König, himmlische Gestalt oder göttlicher Herrscher angesprochen. Er ist der menschliche Empfänger einer Offenbarung, die aus der himmlischen Welt zu ihm kommt.

Daniel ist von dieser Vision vollkommen überwältigt. Es ist keine Kleinigkeit, die er da sieht, und Gabriel muss ihm erst erklären, was das alles zu bedeuten hat. Der Zusammenhang macht deutlich: Mit „Menschensohn“ ist hier der begrenzte Mensch vor einem himmlischen Boten und vor Gottes großem Handeln in der Geschichte gemeint.

Wer jedoch das ganze Buch Daniel von Anfang an gelesen hat, wird von Kapitel 7 etwas überrascht und vielleicht auch etwas verwirrt sein, denn hier scheint „Menschensohn“ plötzlich etwas ganz anderes zu bedeuten. Schauen wir es uns also etwas genauer an.

Daniel 7: Eine andere Szene

Wenn wir Daniel 7 aufmerksam lesen, finden wir auch hier den Begriff „Menschensohn“, jedoch in einem vollkommen neuen Zusammenhang. Daniel wird hier nicht selbst als „Menschensohn“ angesprochen. Daniel sieht vielmehr in einer Nachtvision:

„Und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“

Daniel 7,13–14

Diese Worte stehen im Rahmen einer Vision, in der vier gewaltige Reiche als Tiere erscheinen. Die Tiere stehen für brutale, gewalttätige und vergängliche Mächte und Reiche. Nach ihnen erscheint keine weitere Bestie, sondern „einer wie eines Menschen Sohn“, also eine menschlich erscheinende Gestalt.

Die Wendung lautet hier nicht Hebräisch ben-’adam (בֶּן־אָדָם), sondern Aramäisch bar ’enāš (בר אנשׁ). Sie bedeutet zunächst ungefähr: „einer wie ein Mensch“ oder „einer wie ein Menschensohn“. Die Gestalt wird nicht einfach „der Menschensohn“ genannt; Daniel beschreibt, was er sieht.

Doch die Rolle dieser Gestalt ist außergewöhnlich:

  • Sie kommt mit den Wolken des Himmels.
  • Sie tritt vor den Hochbetagten, also vor Gott.
  • Sie erhält Herrschaft, Ehre und ein Königtum.
  • Ihre Herrschaft umfasst alle Völker, Nationen und Sprachen.
  • Ihr Reich ist unvergänglich und wird nicht zerstört.

Das kann also nicht mit der gewöhnlichen Verwendung von „Menschensohn“ in Hesekiel oder Daniel 8 gleichgesetzt werden. Dort wird ein sterblicher Prophet angesprochen. Hier erhält eine menschenähnliche Gestalt eine ewige, universale Herrschaft.

Ist der Menschensohn messianisch?

Bevor wir uns diese Frage stellen, sollten wir kurz klären, was „messianisch“ eigentlich bedeutet. Das Wort kommt von dem hebräischen Wort Maschiach (מָשִׁיחַ), also „der Gesalbte“. Im Griechischen lautet das Wort Christos (Χριστός). Messianisch bedeutet hier deshalb nicht unbedingt, dass etwas mit Jesus zu tun hat. Es geht zunächst um die Erwartung eines von Gott erwählten Königs, Retters oder Herrschers. Christen glauben, dass Jesus dieser Messias ist.

Die Frage ist hier aber erst einmal: Kann die Gestalt in Daniel 7 schon für sich genommen als messianisch verstanden werden?

Hier muss man sorgfältig unterscheiden. Daniel 7 ist zweifellos eine endzeitliche Königsherrschaftsvision. Die Frage lautet jedoch: Wen oder was stellt die menschliche Gestalt dar?

Verschiedene Deutungen

Eine verbreitete Deutung sieht die Gestalt als symbolische Darstellung der „Heiligen des Höchsten“. Später im Kapitel wird gesagt, dass die Heiligen das Reich empfangen werden. So wie die Tiere für Weltreiche stehen, könnte die menschliche Gestalt für Gottes bedrängtes, aber schließlich von Gott vindiziertes Volk stehen.

Andere verstehen die Gestalt als einen individuellen, himmlischen Repräsentanten, etwa eine Engelgestalt, einen endzeitlichen König oder den Messias. Diese Deutung nimmt besonders ernst, dass die Gestalt mit den Wolken kommt und persönlich vor den Hochbetagten tritt, um Herrschaft zu empfangen.

Deshalb wäre es zu einfach zu sagen: „Daniel 7 nennt eindeutig und ausdrücklich den Messias.“ Der Text verwendet dort weder das Wort „Messias“ noch erklärt er direkt: „Diese Gestalt ist der Messias.“

Aber ebenso wäre es zu einfach zu behaupten, die messianische Deutung sei rein christlich oder erst nachträglich erfunden. Daniel 7 wurde innerhalb jüdischer Auslegung unterschiedlich gelesen, und die Bildsprache einer menschlichen, von Gott erhöhten endzeitlichen Herrschaftsfigur konnte messianisch verstanden werden.

Die Frage bleibt also offen. Daniel 7 verwendet nicht ausdrücklich das Wort „Messias“, beschreibt aber eine Gestalt, die von Gott Herrschaft, Ehre und ein unvergängliches Reich erhält. Genau deshalb konnte diese Vision in jüdischen Auslegungstraditionen messianisch verstanden werden, auch wenn diese Deutung nicht die einzige Möglichkeit ist.

Daniel nennt die Gestalt nicht ausdrücklich den Messias und erst recht nicht Jesus. Dennoch haben wir als Christen guten Grund zu glauben, dass diese Worte auf Jesus hinweisen. Im Matthäusevangelium greift Jesus selbst die Worte aus Daniel 7 auf, als er vor dem Hohen Rat gefragt wird, ob er der Christus, also der Messias, der Sohn Gottes sei. Darauf werden wir gleich noch genauer eingehen. Siehe Markus 14,61–62 und vgl. Matthäus 26,63–64.

Die christliche Anwendung auf Jesus

Erst an diesem Punkt beginnt die ausdrücklich christliche Anwendung. Christen bekennen nicht, dass jeder Gebrauch von „Menschensohn“ im Alten Testament Jesus meint. Hesekiel ist nicht Jesus. Daniel in Kapitel 8 ist nicht Jesus. Auch die Formulierung in Daniel 7 wird nicht dadurch automatisch christlich, dass Christen sie später auf Jesus beziehen.

Die christliche Überzeugung lautet vielmehr: Jesus greift die Bildwelt von Daniel 7 auf und wendet sie auf sich selbst an.

Besonders deutlich wird dies, wie bereits erwähnt, im Verhör Jesu vor dem Hohen Rat. Auf die Frage des Hohenpriesters, ob er der Messias sei, antwortet Jesus im Markusevangelium:

„Jesus aber sprach: Ich bin es! Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.“

Markus 14,62

 

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Vielleicht fällt beim Lesen auf, dass Markus und Matthäus die Antwort Jesu etwas unterschiedlich wiedergeben. Markus schreibt: „Ich bin es“, während es bei Matthäus heißt: „Du sagst es.“ Das kann zunächst wie ein Widerspruch wirken. Doch direkt danach sagen beide Evangelien dasselbe Entscheidende: Jesus spricht vom Menschensohn, der zur Rechten der Macht sitzt und mit den Wolken des Himmels kommt. Beide Berichte verbinden damit die Frage, ob Jesus der Christus, also der Messias, sei, mit den Worten aus Daniel 7.

Jesus verbindet hier zwei wichtige Texte:

  • Daniel 7,13: die Gestalt, die mit den Wolken des Himmels kommt.
  • Psalm 110,1: der Herr, der zur Rechten Gottes sitzt.

Diese Verbindung ist kein Zufall. Sie stellt Jesus in den Mittelpunkt der endzeitlichen Herrschaft, Erhöhung und Vollmacht. Markus 14,62 greift nach verbreiteter Auslegung bewusst Daniel 7 und Psalm 110 zusammen auf.

Für Christen ist Jesus daher der Menschensohn aus Daniel 7: derjenige, der leidet, verworfen wird und sein Leben gibt, aber von Gott erhöht wird und in Herrlichkeit herrscht.

Diese Anwendung ist christlich. Sie setzt den Glauben voraus, dass Jesus der Messias ist und dass seine Worte, sein Tod, seine Auferstehung und seine Erhöhung die Schriften erfüllen. Sie darf deshalb nicht einfach in Daniel 7 hineingelesen werden, als hätte der Text die spätere christliche Auslegung bereits vollständig ausformuliert.

Gleichzeitig ist die christliche Deutung nicht willkürlich. Sie knüpft an die Sprache des Textes selbst an: an die Wolken des Himmels, die Herrschaft vor dem Hochbetagten und das unvergängliche Reich.

Menschlichkeit und Göttlichkeit

Hier entsteht etwas theologisch sehr Bedeutendes.

Bei Hesekiel bezeichnet „Menschensohn“ klar den Menschen als Geschöpf vor seinem Schöpfer. Der Ausdruck macht die Grenze sichtbar: Der Prophet ist Mensch; Gott ist Gott.

Bei Jesus bejaht „der Menschensohn“ ebenfalls seine wirkliche Menschlichkeit. Jesus hungert, wird müde, weint, leidet, wird abgelehnt und stirbt. Der Titel bedeutet nicht, dass Jesus weniger Mensch war. Er zeigt vielmehr, dass Jesus wirklich Mensch wurde und unser Leben teilte.

Doch in der christlichen Auslegung bleibt es nicht bei dieser Seite. Jesus verbindet den Menschensohn auch mit Sündenvergebung, Leiden für viele, Erhöhung zur Rechten Gottes und dem Kommen mit den Wolken des Himmels. Der Ausdruck wird dadurch zum Teil des christlichen Bekenntnisses, dass Jesus wahrhaft Mensch und zugleich wahrhaft Gott ist.

Was bei Hesekiel den Unterschied zwischen Gott und dem Menschen sichtbar macht, wird im christlichen Bekenntnis zum Hinweis auf das Geheimnis der Menschwerdung: Der, den Christen als wahrhaft Gott bekennen, wurde wahrhaft Mensch.

Der Titel „Menschensohn“ bedeutet deshalb nicht einfach, Jesus sei lediglich ein Mensch. Ebenso wenig ist er eine einfache Formel, die seine Göttlichkeit ohne weiteren Zusammenhang beweist. Seine Tiefe liegt gerade in der Verbindung von wirklicher menschlicher Niedrigkeit, dienendem Leiden, von Gott verliehener Vollmacht und endzeitlicher Herrschaft.

                                                            Photo by Lukas Tennie on Unsplash

Fazit

„Menschensohn“ ist in der Bibel nicht überall dasselbe.

In Hesekiel und Daniel 8 bezeichnet der Ausdruck einen sterblichen Menschen, der Gottes Offenbarung empfängt. Er hält den grundlegenden Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf fest.

In Daniel 7 erscheint dagegen „einer wie eines Menschen Sohn“ als besondere Gestalt, die mit den Wolken des Himmels kommt und von Gott ewige Herrschaft empfängt. Ob diese Figur ursprünglich kollektiv, himmlisch oder messianisch gedacht ist, bleibt Gegenstand der Auslegung. Ihre Rolle ist jedoch eindeutig außergewöhnlich: Sie steht für Gottes endgültige Herrschaft über die Reiche dieser Welt.

In der christlichen Auslegung erkennen wir in Jesus die Erfüllung dieser Vision. Wenn Jesus in Markus 14 vom Menschensohn spricht, der zur Rechten der Macht sitzt und mit den Wolken kommt, verbindet er die Sprache aus Daniel 7 mit Psalm 110. Christen sehen darin nicht die Behauptung, dass jeder „Menschensohn“ im Alten Testament Jesus meine, sondern die Überzeugung, dass Jesus die besondere, herrschaftliche Menschensohn-Gestalt aus Daniel 7 auf sich bezieht.

Heute am Ende, aber noch nicht fertig

Für mich persönlich ist jedoch noch ein weiterer Punkt wichtig: Jesus selbst verwendet die Bezeichnung „Menschensohn“ in den Evangelien mehr als achtzigmal für sich. Das allein beantwortet nicht jede Frage, aber es gibt uns Christen guten Grund, seine Worte im Licht von Daniel 7 zu lesen.

Es gibt noch weitere gute Gründe, warum Christen in Jesus den Menschensohn erkennen. In zukünftigen Beiträgen möchte ich mich deshalb unter anderem mit Jesus als dem Eckstein beschäftigen, mit dem von Menschen verworfenen Stein, den Gott zum Eckstein gemacht hat. Auch die Frage, wie die Bibel von Jesu göttlicher Herrschaft und seinen göttlichen Eigenschaften spricht, möchte ich später noch einmal genauer betrachten.

Ich habe mit diesem Thema also noch lange nicht abgeschlossen. Ich werde mich weiter in mein Bibelstudium hineinknien, fleißig lesen und die verschiedenen Bibelstellen miteinander vergleichen. Mal sehen, wohin mich Gottes Wort dabei noch führt. Vielleicht gehen wir diesen Weg ja gemeinsam weiter.

In diesem Sinne: Taucht tief in Gottes Wort ein und prüft alles im Licht seiner Wahrheit.

 

Eure Lizzy

 

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